„Hauptsache, man spricht mit ihm!“

Manche Menschen werden mitten aus dem Leben gerissen. Sie können nichts mehr regeln, keinen Abschied nehmen, es ist einfach vorbei. Und es gibt Menschen, die sehen ihrem Ende entgegen. Dieses Entgegenschauen kann schmerzhaft sein, voller Bitterkeit und Unverständnis, dass jetzt der Tod kommt. Sich auf den letzten Lebensweg zu machen kann aber auch zu einem ganz reichen Erleben werden. Begleitet von Menschen, die Sicherheit und Zuversicht ausstrahlen. Seelsorgerinnen und Seelsorger sowie Hospize leisten da einen sehr wertvollen Dienst. Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer Dr. Friedrich Wallbrecht, der im ambulanten ökumenischen Hospizdienst in Schwäbisch Gmünd tätig ist, und Bernhard Amma, Leiter des Hospizes St. Anna in Ellwangen.

Wenn Menschen von ihrem nahenden Tod erfahren – wie sind die Reaktionen?

Wallbrecht: Wenn wir angefragt werden, ist die Diagnose schon gestellt. Und das ist ein Schock. Das gewohnte Leben bricht zusammen. Dann erlebe ich einen ständigen Stimmungswechsel. Es ist wie ein Karussell. Oft sperren sich die Angehörigen noch mehr als der Sterbende selbst gegen das Unausweichliche. Sie halten fest, manchmal bis in die Todesstunde.

Amma: Jeder Mensch trägt einen Lebenswunsch in sich. Und die allermeisten wollen weiterleben, aber eben nicht so, wie es ist. Sie wollen das Leid ablegen können.

Wie können Sie einwirken?

Amma: Im Hospiz klären wir die Erwartungshaltung des Sterbenden und dessen Wünsche. Wir wirken so ein, dass nicht mehr geplant, sondern getan wird. Das „wie“ oder „wohin“ herauszufinden, gehört dazu.

Wallbrecht: Wir regen an, die Wirklichkeit anzunehmen, sind dabei aber auf keinen Fall belehrend. Die Menschen wollen mit ihrer Verzweiflung wahr- und ernstgenommen werden. Verständnisvoll zu begleiten und den Menschen helfen, ihre Würde zu bewahren, das gehört zur Sterbebegleitung.

Wie gehen Sie mit Menschen um, die mit Gott hadern, weil sie sterben müssen?

Wallbrecht: In der letzten Lebensphase verstärkt sich das, was auch im Leben war. Wer im Leben mit Gott im Gespräch war, der wird das auch zuletzt sein. Ich finde das geht in Ordnung, wenn man mit Gott hadert, und man darf auch ruppig mit ihm sprechen. Hauptsache man spricht mit ihm! Die Warum-Frage darf man durchaus stellen, aber man muss aushalten, dass man keine Antwort bekommen wird. In der Sterbebegleitung soweit zu kommen, dass man diese Frage gar nicht mehr stellen will, das ist das Ziel.

Was ist den Menschen auf dem letzten Lebensweg am wichtigsten? Und wozu würden Sie aus Ihrer Erfahrung heraus raten?

Amma: Sich auf bewusst auf den Weg machen und zu überlegen, was jetzt in diesem Moment wichtig ist. Dabei gehen wir im Hospiz mit. Wir vermitteln das Gefühl, nicht alleine zu sein. Wir helfen dabei, dass sie sich in etwas wahrnehmen, entdecken und herausfinden, was sie im Leben getragen hat.

Was kann man den Menschen Tröstliches sagen, die nicht an Christus und die Auferstehung glauben?

Wallbrecht: Das gelebte Leben ist wichtig und die Erkenntnis, nicht umsonst gelebt zu haben. Sich an das Gute im Leben zu erinnern, und daran, dass die eigene Lebensleistung wie ein Vermächtnis weiterwirkt, ist sehr tröstlich.

Noch ein Wort zur Begleitung von Angehörigen…

Amma: Wir binden die Angehörigen ab der Aufnahme ins Hospiz mit ein. Wir holen sie dort ab, wo sie momentan stehen.

Wallbrecht: Angehörige müssen den geliebten Menschen gehen lassen, loslassen und die Veränderung der Beziehung zulassen. Wenn man jemanden gehen lässt, bleibt man mit ihm verbunden.

Danke für das Gespräch!