Hey, was würde Jesus dazu sagen?

Die Kirchenmitgliedszahlen schwinden, die Kirche selbst kämpft gegen den Identitätsverlust und spielt im Leben vieler Menschen schlichtweg keine Rolle mehr. Besonders für Kinder und Jugendliche wird der Zugang zur Kirche und kirchlichen Aktivitäten immer schwerer, weil sich die Eltern schon distanziert haben. Dennoch: Es gibt tolle Angebote, gerade für junge Menschen, im kirchlichen Kontext. Kirche kann richtig cool sein. Und sie ist mehr denn je dabei, Wege zu jungen Menschen zu finden. Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer Jochen Leitner und dem katholischen Jugendreferenten Marios Pergialis.

Werden die Kirchen in 20 Jahren leer sein?

Jochen Leitner: Da mache ich mir keine Sorgen. Es gibt immer noch eine sehr gewichtige Seite, die Menschen in die Kirchen bringt, und zwar an wichtigen Meilensteine im Leben, wie Taufe, Erstkommunion, Konfirmation, Hochzeit oder Beerdigung. Weihnachten und die Krippenspiele erleben einen regelrechten Boom. Die Menschen, auch die Jugendlichen, kommen halt eher anlassbezogen. Und Kirchenräume werden anders. Auch die Natur kann Kirche sein – das war z.B. an unserem Osterweg wieder deutlich sichtbar.

Marios Pergialis: „Normale“ Kirchengebäude werden eventuell leer sein, ja. Und die Begegnung mit Gott in der Eucharistie wird in 20 Jahren wohl nicht mehr die Bedeutung haben für die Menschen. Aber wir können unsere Kirchenräume neu bespielen, Jugendlichen die Freiräume geben, die sie brauchen. Wir müssen Vertrauen haben zu unseren Jugendlichen und sie werden es uns mit Verantwortung danken!

Die Sehnsucht nach Orientierung und einem Glauben ist hoch bei Jugendlichen. Was können die Kirchen dafür bieten?

Pergialis: Wir haben einen großen Schatz an Ritualen, die wichtige Lebensereignisse begleiten. Das bietet Halt und Sicherheit durch die Vielfalt an Traditionen. Es geht bei dem Angebot an Orientierung um die Frage, wie man sich selbst eine Meinung bildet und ein gutes Leben führen kann, wenn es mal nicht gut läuft. Wir unterstützen in der kirchlichen Jugendarbeit die Bestrebung, zu einem eigenen Urteil zu kommen. Und das tut jungen Menschen richtig gut. Und wir schauen dabei auf Jesus: ‚Hey, was würde Jesus dazu sagen, hier und heute, was würde er tun?‘.

Leitner: In unseren kirchlichen Angeboten lassen wir Jugendliche Jugendliche sein. Sie sind nicht einfach „noch nicht Erwachsene“. Sondern wir nehmen sie als eigenständige und verantwortliche Persönlichkeiten, die sich noch weiter entwickeln können, ganz ernst. Wir lassen ihnen ihre Freiheit und ihre Ideen. Als Kirchen bieten wir Freiräume, die die Jugendlichen ausfüllen können.

Glauben Kinder und Jugendliche überhaupt noch?

Leitner: Glaube passiert in Beziehungen. Zum Beispiel im Konfirmandenjahr. Da sind wir als SeelsorgerInnen gefragt und müssen die Zeit so gestalten, dass die Jugendlichen Bock draufhaben. Und wir müssen eben dort präsent sein, wo Begegnung stattfindet. In der Schule, im Jugendraum-Café, in den sozialen Medien. Und wir müssen mehr das Zusammenspiel mit den Vereinen suchen. Wir können nur einladen und die Hand ausstrecken und Jugendliche auf ihrer Suche – gerade auch nach und im Glauben – begleiten.

Pergialis: An vielen kleinen Orten und Begegnungen passiert Glaube – auch oder gerade bei Jugendlichen. Die klassische Kirche und der Sonntagsgottesdienst erleben zwar einen Relevanzverlust. Aber wenn wir uns trauen, die Ideen von Jugendlichen umzusetzen, wenn wir ihnen die Freiräume dafür geben und das Wertvolle am Glauben im eigenen Leben rüberbringen können, dann sind wir als Kirchen wieder dabei. Vielleicht mehr denn je.

29.06.2021/Dekanat Ostalb/Sibylle Schwenk

Foto (Schwenk): Jochen Leitner (links) und Marios Pergialis