Christen und Menschen in Not

Als Christ zum Handeln verpflichtet

Helfen und sich helfen lassen. Das gehört zum Menschsein. Jeder Mensch braucht einmal Hilfe und manchmal schlittert man in eine Notsituation, die man sich so vorher nie hätte denken können. Not durch Trennung vom Partner, Not durch Krankheit, Not durch Sucht, Not durch Arbeitslosigkeit. Hilfe tut Not. Doch: Der Einzelne neigt dazu wegzusehen, wenn ein Obdachloser um ein paar Cent Spende in der Fußgängerzone bettelt. Keine Zeit, keine Lust, kein Geld. Dafür bin ich nicht zuständig. Die christlichen Kirchen haben die Aufgabe der direkten Hilfe für Menschen in Not durch die beiden großen Wohlfahrtsverbände, die Diakonie und die Caritas, professionell gelöst. Dort wird dem arbeitslosen Alkoholiker geholfen und der Schwangeren, die keine Wohnung findet. Eine Institution erledigt das, was mir im einen oder anderen Fall ein schlechtes Gewissen schafft, weil ich nicht selbst tätig werde oder werden kann. Was bringt Menschen eigentlich dazu, anderen in Not zu helfen zu wollen? Darüber und über den christlichen Hintergrund von sozialen Hilfen sind Sylvia Caspari, Geschäftsführerin des Kreisdiakonieverbandes Ostalb, und Markus Mengemann, Leiter der Caritas Region Ost-Württemberg ins Gespräch gekommen.

Was bringt uns dazu, anderen in Not zu helfen zu wollen? Das Gesetz, die Moral, die Religion, die Gene, die Vernunft oder einfach eine Mischung aus allem?

Sylvia Caspari: Als Christin muss ich ganz klar sagen: Wir leben in der Nachfolge Jesu und darauf begründet sich das diakonische Handeln. Es ist unser Auftrag zu helfen. Dazu gehört natürlich auch die Hilfe zur Selbsthilfe.

Markus Mengemann: Ich finde es ist eine Mischung aus allem. Wir erleben konkret in der Wohnungslosenhilfe das tiefe Bedürfnis der Menschen, helfen zu wollen. Wo sollen die Obdachlosen in der Kälte übernachten? Das berührt zutiefst. Man möchte einfach helfen.

Sind Christen der Hilfe und des Hinsehens auf Notsituationen durch ihren Glauben noch mehr verpflichtet als andere?

Mengemann: Das Christsein macht etwas mit mir. Es bringt mich auch oft in Bredouille! Ich kann nicht einfach zusehen, wenn Hilfe benötigt wird und mich nicht einfach ausruhen. Als Christen müssen wir handeln und sind so auch ständig in einem Prozess.

Was tun, wenn dieser christliche Glaube nicht mehr existiert und damit die Grundlage für Hilfe im Sinne der Nächstenliebe?

Mengemann: Ich kann da für die Mitarbeitenden der Caritas sprechen. Wir haben einen spannenden Öffnungsprozess durchlaufen, der uns zeigt, in Vielfalt zu leben und zu arbeiten. Konkret heißt das, dass wir auch Mitarbeitende aus anderen Religionen einstellen. Wichtig ist eben nur, dass alle hinter den Werten des Evangeliums stehen können. Im Prinzip muss die Haltung vorherrschen: Ich bin zwar kein Christ, aber ich handle so.

Caspari: Die Kirche tut Gutes. Deshalb sind viele noch dabei und können vor allem hinter dem diakonischen Werk der Kirche und der Wohlfahrtsverbände stehen.

Wie wichtig ist in ihren Institutionen der christliche Hintergrund?

Caspari: Wir handeln nach dem christlichen Menschenbild. Verkündigung und Tat hängt unmittelbar zusammen.

Mengemann: Unser Auftrag ist nicht beliebig. Egal, ob evangelisch oder katholisch – es gibt Grenzen, die wir im christlichen Sinne einhalten müssen und wollen.

Wie würde eine Gesellschaft ohne den christlichen Wert der Nächstenliebe aussehen? Glauben Sie, eine solidarische Gesellschaft würde auch ohne Glauben funktionieren können?

Caspari: Tolle ökumenische Projekte, wie zum Beispiel der Sozialführerschein, stammen aus kirchlicher Hand und sind ein ganz konkreter Beitrag für eine bessere, für eine helfende Gesellschaft. Die Liste ließe sich noch lange fortsetzen.

Mengemann: Im Grunde des Herzens gibt es bei allen Menschen eine Suche nach moralischer Orientierung. Darauf sollte Kirche bauen und sich auseinandersetzen. Mein Zugang zum christlichen Glauben ist ganz klar durch die konkreten Hilfestellungen im Sinne der Caritas oder der Diakonie begründet. Und ich glaube auch, dass dieser solidarische Gedanke der Türöffner sein kann, um Menschen wieder für Kirche zu begeistern.

Das Interview führte Sibylle Schwenk, Dekanat Ostalb

Foto (Schwenk): Sylvia Caspari und Markus Mengemann