Warum ich bleibe

Warum ich trotzdem bleibe… Erik Salzer

„Für diese Momente lebe ich und bin dankbar“

Erik Salzer ist 18 Jahre alt und kommt aus der Gemeinde St. Nikolaus in Wört, die zur Seelsorgeeinheit Virngrund-Ost gehört. Seit zehn Jahren ist er Ministrant und Oberministrant. Er absolviert momentan eine Ausbildung zum Mechatroniker und ist im dritten Lehrjahr.

„In der Kirche da lege ich mein Handy weg und bete einfach zu Gott. In der Hauptsache bete ich, weil ich danke sagen will, für all das Gute, das mir mein Leben bietet. Natürlich verdanke ich vieles meinen Eltern, aber da ist auch noch was anderes. Ich habe meine Zeit dort in der Kirche und wenn ich die Hostie empfange, dann spüre ich eine Verbindung zu diesem Gott.

Warum ich trotzdem bleibe, das ist genau dieser Grund. Meine innere Verbindung zu Gott, die hält den äußeren Einflüssen stand. Diese ganzen Missstände in der Kirche, die drücken mich nicht runter, auch wenn es Menschen betrifft, von denen ich das nie gedacht hätte. Was ich tatsächlich schlimm finde, das ist das Scheinheilige; wenn eine Situation, wenn ein Status ausgenutzt wird. Das hat nichts mit Glauben zu tun. Das hat nichts mit meinem Glauben zu tun.

Ich spüre, dass ich etwas bewirken kann im Kleinen, bei uns in der Gemeinde St. Nikolaus in Wört. Wir sind zwar nur 15 Ministrantinnen und Ministranten, aber wir machen tolle Sachen zusammen. Mein Leben gehört der Musik. Ich bin DJ, singe super gerne und spiele auch Akkordeon. Und das tue ich halt auch in der Kirche. Die neuen Lieder finde ich toll und die machen mir richtig Spaß, da bekommen auch junge Leute wie ich einen Zugang zum Glauben. In einem Gottesdienst mitzuwirken, das gibt mir ein ganz besonderes Gefühl und ich verschweige nicht, dass ich es genieße, wenn andere mich für meine Arbeit, die Organisation oder die Musik, loben und es total cool finden. So kann ich auch ein bisschen dazu beitragen, dass Kirche zeitgemäßer ist und Jugendliche auch anspricht. Und gemeinsam den Glauben zu leben, das ist nochmal ein viel intensiveres Gefühl.

Ich kann nicht verstehen, wie manche Menschen an gar nichts glauben. Das liegt wohl daran, dass es uns zu gut geht und wir scheinbar keinen Glauben brauchen. Ich bin da anderer Ansicht. Und diese Ansicht teile ich mit all den Jugendlichen, die jetzt zum Beispiel die 72-Stunden-Aktion mitgemacht haben. In der LEA haben wir ein Konzert organisiert, mit selbst gebauten Instrumenten. Mir gibt es jetzt noch eine Gänsehaut, wenn ich an das Schlusslied „We are the world“ denke, das wir gemeinsam mit den Flüchtlingen gesungen haben. Für diese Momente lebe ich und bin dankbar. Deshalb bleibe ich.“

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Warum ich trotzdem bleibe…David Kühnert

„Ein Leben ohne Glauben geht nicht“

David Kühnert ist Gewählter Vorsitzender in der Kirchengemeinde St. Bernhard in Heubach. Mit 18 Jahren trat er in den Kirchengemeinderat ein, seit 2015 ist er Gewählter Vorsitzender. Im „normalen“ Leben ist der 31-Jährige Ingenieur für Fahrzeugtechnik.

„Über Glauben reden ist nicht einfach – das sagte Weihbischof Matthäus Karrer beim Dekanatstag in Neuler. So geht es mir auch. Aber ich versuche es trotzdem. Ich bin im Glauben stark verankert, aus meiner Familie heraus und durch die Heimat, die mir unsere Gemeinde und die ganze Seelsorgeeinheit „Unterm Rosenstein“ gibt. Wir haben hier eine sehr gute Gemeinschaft, Leute, mit denen man wirklich etwas bewegen kann. Wenn ich allein an unsere Sternsinger denke, wenn sich Kinder und Eltern freuen, dass sie diese Aktion mitmachen und dadurch Gutes tun konnten. Die persönlichen Beziehungen vor Ort, die guten Ansätze der Ökumene, die Feste und all das Gemeindeleben hier, das spornt mich an weiterzumachen.

Ich differenziere sehr stark: Es gibt einen Unterschied zwischen der weltweiten Institution Kirche und dem, was hier vor Ort geschieht. Natürlich können wir froh sein, dass wir selbst bisher nicht direkt von einem Missbrauchsfall tangiert wurden. Aber wir wollen der Öffentlichkeit auch durch die Implementierung des Schutzkonzeptes in all unseren Gremien zeigen: Wir schauen nicht weg, wir setzen uns damit auseinander und wir wollen zeigen, dass es auch anders geht. Für selbstverständlich erachte die Tatsache, dass gerade wir als Kirche eine Vorbildfunktion einnehmen müssen. Missbrauch gibt es nicht nur in der Kirche.

Neben der lückenlosen Aufklärung der Missbrauchsfälle wünsche ich mir ein Ende des Zölibats und dass Frauen eine größere Rolle in der Kirche spielen können, wie es die evangelische Kirche schon lange hat.

Ich bleibe trotzdem und arbeite weiterhin in der katholischen Kirche mit, weil das Leben ohne den Glauben nicht geht und der Glaube nicht ohne die Kirchengemeinde.“

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Liebe Leserinnen und Leser,

in der letzten Dekanatsratssitzung hat neben den Haushaltsplänen ein großes Thema Platz bekommen: Wie geht es mir als Mandatsträger für die katholische Kirche angesichts des Missbrauchsskandals? In Kleingruppen hat man sich ausgetauscht und die Ergebnisse ins Plenum eingebracht. Die Aussagen waren ganz unterschiedlich: „Die Aufarbeitung der Fälle ist wichtig“, „die Öffentlichkeit nimmt negative Schlagzeilen besonders wahr“, „in unserer Gemeinde hat das keinen Staub aufgewirbelt“, „es gibt keine Möglichkeit darüber zu sprechen“, „es sollte eine Gewaltenteilung in der Kirche geben“, „das Ausmaß hat uns erschreckt“ oder „die Rolle der Frau in der Kirche muss gestärkt werden“.

Der Missbrauchsskandal kommt offensichtlich ganz unterschiedlich und doch auch ähnlich an in unseren Kirchengemeinden vor Ort. In einer Reihe im „echo“ sollen nun unsere ehren- und hauptamtlichen MitarbeiterInnen zu Wort kommen und einfach sagen können, warum sie – trotz des Skandals – in der katholischen Kirche mitarbeiten.

Die Sprachlosigkeit überwinden und sich gegenseitig Mut machen – das will „Warum ich trotzdem bleibe…“

Wir wünschen Ihnen, dass diese Aussagen Sie in Ihrer Arbeit bestärken!

Herzlich,

Ihre Sibylle Schwenk