Damit man nicht zu Hause verkümmert

Normalerweise ist in der Jobbörse immer was los. Frauen und Männer, die seit Jahren keine Arbeit finden und zum Nichtstun verdammt sind, treffen sich in dem kleinen Raum im Haus der Katholischen Kirche direkt bei der Betriebsseelsorge. Für ein paar Stunden sich mit anderen Leuten treffen, einen Kaffee trinken. Im November-Lockdown ist dies jedoch nicht möglich.

„Für Menschen, die eh keinen geregelten Tagesablauf und keine Arbeit haben, ist das besonders schlimm“, sagt Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler. Deshalb hat sich Martin Jahn, Mitarbeiter der Betriebsseelsorge ein paar Strategien überlegt. Neben der Einrichtung einer facebook-Plattform, wo Austausch wenigstens virtuell möglich ist, werden die Besucherinnen und Besucher der Jobbörse zu Gartenarbeiten eingesetzt. „Jetzt haben wir mal direkt vor dem Haus der Kirche angefangen“, berichtet Martin Jahn.

Philipp S. ist Langzeitarbeitsloser. Gemeinsam mit Rentner Kurt E. schwingt er Besen und Rechen, um Laub einzusammeln. „Alles ist besser als Nichtstun“, meint Philipp S. Dass er hier für ein paar Stunden Arbeit hat ist für ihn unglaublich wichtig. „Dann komme ich wenigstens raus, treffe ein paar Leute und kann sogar etwas Produktives tun“.

„Seit alles zu hat“, so ergänzt Kurt E., „ist es echt scheiße“. Einmal in der Woche treffe man sich normalerweise im Gemeindehaus St. Maria oder zum Männerfrühstück auf dem Rötenberg. Dass sich jetzt im November alle Türen geschlossen haben, das ist für ihn tragisch.

„Der Kurt kommt schon viele Jahre zu uns“, berichtet Martin Jahn. Und damit gehöre er zu denen, die wenigstens Kontakt halten. Für die Betriebsseelsorge ist das ein wichtiger Faktor, denn nur dann könne auch Hilfe angeboten werden. Das Problem ist indes, dass manche sich einfach ganz zurückziehen und vereinsamen.

Auch die Jobbörse selbst, als Ort der Begegnung und des Austauschs, steht insgesamt in Frage. „Formale Auflagen, versicherungsrechtliche und sozialversicherungsrechtliche Anforderungen, zwingen uns aller Wahrscheinlichkeit nach dazu, die Jobbörse ganz zu schließen“, führt Rolf Siedler aus. Und das im 20. Jahr ihres Bestehens. „Das ist sehr bitter“, lassen er und Martin Jahn wissen. Die Jobbörse sei als „soziales Biotop“ gewachsen. Im Mittelpunkt stand der Café-Treff, doch auch kleinere Jobs, wie gerade Gartenarbeiten, konnten über einen gewissen Pool an Geldern finanziert werden, ohne dass die staatlichen Leistungen gekürzt wurden. Siedler und Jahn ärgern sich sehr über die neuen Formalien, die diese Kleinjob-Vermittlung nicht mehr zulassen. Denn: „Wir konnten die Leute damit aus der Passivität wenigstens ein Stück weit herausholen“. Dafür seien alle immer sehr dankbar gewesen. Dass nun rechtliche Vorschriften das Aus für die Jobbörse bedeuten werden, ist ein richtiger Nackenschlag, vor allem für die Nutzerinnen und Nutzer. So wie Philipp S. und Kurt E.

Die beiden arbeiten zügig im Garten des Hauses der Kirche weiter. Bald ist alles blank gefegt, die Äste zurückgeschnitten, sauber und ordentlich. Philipp S. und Kurt E. sind zufrieden. Dieser Tag ist ein guter Tag. Denn sie haben etwas geschafft.

 

09.11.2020/Sibylle Schwenk/Dekanat Ostalb

Foto (Schwenk): Philipp S. (links) und Kurt E. sind dankbar für kleinere Jobs, die sie aus der Passivität herausholen und ihnen das Gefühl geben, dass sie etwas schaffen können.