Im schlichten Dialog voneinander lernen

Christentum (2,1 Mrd.), Islam (1,5 Mrd.), Hinduismus (900 Mio), Buddhismus (376 Mio) und das Judentum (14 Mio) – das sind die fünf Weltreligionen. Auch die Traditionelle chinesische Religion (394 Mio) nimmt einen großen Raum ein. Dazu kommen noch viele unterschiedliche ethnische Religionen. Sie alle haben eines gemeinsam: sie zeichnen eine Art zu leben vor, Verhaltensgrundsätze, die das Miteinander und das eigene Handeln prägen. Die Verheißung, dass das Leben nach dem Tod nicht zu Ende ist, sondern in irgendeiner Form weitergeht, ist zentraler Bestandteil von Religionen.

Respekt und Achtung gegenüber anderen Glaubensansichten sollten eigentlich selbstverständlich sein. Ebenso ein friedliches Miteinander in aller Verschiedenheit. Dennoch ist das Gegenteil der Fall.

Krister Stendahl, inzwischen verstorbener evangelischer Bischof von Stockholm, sagte: „Man muss einem ‚heiligen Neid‘ Raum lassen, wenn man an einer anderen Religion Nachahmenswertes entdeckt.“

Ein Gespräch mit dem evangelischen Pfarrer Stephan Schiek und dem katholischen Dekanatsreferenten Romanus Kreilinger.

Welchen Grundsatz, welche Idee würden Sie gerne aus einer anderen Religion übernehmen?

Stephan Schiek: Im Prinzip würde ich sagen, dass für mich im Christentum alle wichtigen Grundsätze, die ein gelingendes Leben ermöglichen, enthalten sind. Soweit ich das überblicken kann, gilt dies auch für die anderen Weltreligionen. Da überschneidet sich viel. Mehr Beachtung könnte meines Erachtens die Ehrfurcht und Achtung vor Gott aus dem Judentum sein, oder das Almosengeben, eine der fünf Säulen des Islam.

Romanus Kreilinger: Ich bin überzeugt von den Glaubensgrundsätzen des Christentums, auch wenn in der Umsetzung manches falsch läuft. Was im Christentum nahezu ein Alleinstellungsmerkmal bedeutet ist die Ansicht, dass die Beziehung zu Gott ein Geschenk darstellt, für das ich keine Leistung erbringen muss.

Wie geht man damit um, dass ganz essentielle Dinge, wie der Glaube daran, dass Jesus Gottes Sohn ist, von anderen Religionen nicht anerkannt werden?

Kreilinger: Toleranz und Wertschätzung des Anderen gehört nicht nur zur Religion, sondern gänzlich zum menschlichen Miteinander. Ich kann meine eigene Überzeugung leben und ins Gespräch bringen, ohne zu missionieren. Diese gegenseitige Toleranz geschieht in der persönlichen Begegnung. Und dazu braucht man auch keinen theologischen Sachverstand.

Schiek: Dies ist ja vor allem ein Punkt, der im christlich-jüdischen und im christlich-muslimischen Dialog oft angeführt wird. Im Judentum wie im Islam gilt Jesus Christus nicht als Gottes Sohn, wohl aber als ein besonderer Prophet. Im interreligiösen Dialog ist es deshalb wichtig, das Wesentliche der eigenen Religion mit einzubringen, es stehen zu lassen, um Respekt dafür zu werben. Das Unterschiedliche darf aber das gemeinsame Engagement der Religionen für Frieden, Gerechtigkeit und die Bewahrung der Schöpfung nicht behindern.

Der Respekt vor anderen Religionen muss den Weg weisen. Was aber, wenn Grenzen überschritten und Kriege geführt werden?

Schiek: Krieg, Terror und Hass sind die Schattenseiten im Umgang der Menschen miteinander. Dies soll nach dem Willen Gottes nicht sein. Deshalb gilt es, sich im Namen der eigenen Religion für ein friedliches Miteinander einzusetzen.

Kreilinger: Mir platzt echt der Kragen, wenn die Religion als Grund für einen Krieg herangezogen wird. Nicht die Religion ist die Ursache, sondern die Feindlichkeit, Macht und Machtmissbrauch.

Wo findet hier vor Ort bereits interreligiöser Dialog statt und wie könnte man diesen noch verstärken?

Schiek: In den beiden Kirchengemeinden, in denen ich tätig bin, gibt es bislang wenig interreligiösen Dialog. Es gibt vor Ort auch nur wenig offizielle Ansprechpartner. Hervorheben möchte ich die sehr gute ökumenische Zusammenarbeit mit den katholischen Kirchengemeinden, was ich als sehr gute Grundlage sehe, den Dialog auch auf andere nichtchristliche Religionen auszuweiten.

Kreilinger: Es gibt schon Foren, wie zum Beispiel die Arbeitsgruppe „Interreligiöser Dialog“ der Stadt Schwäbisch Gmünd oder auch den Welttag der Religionen. Ich würde mir viel mehr die schlichte Begegnung wünschen, wo im Dialog Dinge geklärt werden, wie zum Beispiel die individuelle Bedeutung des Fastens. Religionen könnten so viel voneinander lernen, wenn man sich um das gegenseitige Verständnis nur bemühen würde. Und: Die eigene Religion kann dann wieder neu betrachtet und eingeschätzt werden.

09.08.2021/Dekanat Ostalb/Sibylle Schwenk

Fotos: Stephan Schiek (privat), Romanus Kreilinger (Schwenk)