Segnung gleichgeschlechtlicher Paare

Die ablehnende Haltung der Glaubenskongregation in Rom zur Segnung gleichgeschlechtlicher Paare hat Mitte März für einen Aufschrei in der christlichen Landschaft Deutschlands hervorgerufen. Im ganzen Land zeigten Kirchen und Einrichtungen ihre Solidarität mit der Regenbogenflagge, dem Symbol der LSBT (Lesbian, Gay, Bisexual and Transgender) – Bewegung. Auch in Schwäbisch Gmünd hing prominent am Kapitelshaus die bunte Fahne. Weltfremd, realitätsfern und unmenschlich erscheint das römische Dekret „Responsum ad dubium“ (Antwort in Zweifelsfragen). In der synodal organisierten evangelischen Kirche wird dieses Thema seit Jahren in den Synoden von der Kirchenbasis aus diskutiert und darum gerungen. In der Württembergischen Landeskirche ist nach Beschluss der Landessynode vom März 2019 ein Segnungsgottesdienst für gleichgeschlechtliche Paare auch erst seit Januar 2020 möglich.

Warum tun sich die Kirchen so schwer damit? Und hilft ein Blick in die theologischen Hintergründe die Haltung wenigstens annähernd zu verstehen?

Ein Gespräch mit der evangelischen Dekanin Ursula Richter und dem katholischen Dekan Robert Kloker.

  1. Welcher theologische Hintergrund steckt hinter dem Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare?

Kloker: Die offizielle, theologische Begründung seitens des Vatikans lautet, ich zitiere aus dem Responsum: „Es ist nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau, die an sich für die Lebensweitergabe offen ist) einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist.“

Das heißt also, es wird eine Qualifizierung vorgenommen.

Richter: In der evangelischen Kirche wird der biblische Befund und das Verständnis von der Auslegung der Heiligen Schrift schon Jahrzehnte diskutiert. In der Bibel gibt es tatsächlich ein paar Zitate, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften „als Gräuel“ sehen. Im Dritten Buch Mose steht: Du sollst nicht bei einem Mann liegen wie bei einer Frau; es ist ein Gräuel.“ Doch wir legen die Bibel ja immer wieder neu aus und transferieren sie in die heutige Zeit. Oder wird heute etwa das Zinsverbot beachtet, ebenfalls ausgesprochen im Dritten Buch Mose?

  1. Sind diese Gründe für Sie in irgendeiner Form nachvollziehbar?

Kloker: Nein, denn das biblische Zeugnis ist nicht ganz eindeutig. Man kann ja die Qualität gleichgeschlechtlicher Partnerschaften nicht herauslesen oder bewerten, weil es die damals einfach noch nicht gab. Der schöpfungstheologische Ansatz aus Rom ist mir zu eindimensional. Wir müssen den modernen, humanmedizinischen Ansatz von heute, unser Wissen von heute, mit einbinden.

Richter: Landesbischof Frank Otfried July betont, dass die Kirche eine Auslegungsgemeinschaft sei und die Bibel in jeder neuen Zeit neu ausgelegt werden müsse. Die Diskriminierung von Menschen entspricht keinesfalls dem Geist der Bibel. Es gilt in jeder Zeit nach dem zu suchen, was dem Geist und Maß Christi entspricht.

  1. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, sprach sich jetzt auf dem ökumenischen Kirchentag in Frankfurt dafür aus, dass die kirchliche Lehre in ihrer Haltung gegenüber Homosexuellen angepasst wird. Würden Sie das begrüßen?

Kloker: Auf jeden Fall! Wir brauchen auch einen Diskussionsprozess und müssen mit Argumenten in den Austausch gehen, so wie es die evangelische Kirche in diesem Fall macht. Es kann nicht sein, dass nicht einmal der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Bätzing, von diesem Schreiben weiß und erst 15 Minuten vor seiner Veröffentlichung davon erfährt.

  1. Wie geht die evangelische Kirche mit der Segnung gleichgeschlechtlicher Paare um?

Richter: Um die Erlaubnis vom Oberkirchenrat zu bekommen, ist ein Meinungsbildungsprozess in der Kirchengemeinde erforderlich. Nach mehrheitlicher Entscheidung des Kirchengemeinderats kommt die Genehmigung vom Oberkirchenrat. Hier in Schwäbisch Gmünd sind wir bereits seit Ende 2019 in diesem Prozess, jedoch durch die Pandemie ausgebremst worden. Also offiziell könnte ich jetzt noch keine Segnung gleichgeschlechtlicher Paare in einem öffentlichen Gottesdienst vornehmen.

  1. Den Segen verweigern. Würden Sie das selbst tun?

Richter: Niemals! Jemanden segnen heißt, den Namen Gottes auf ihn/sie zu legen. Wie sollte ich diesen Wunsch Menschen verweigern, die ihren gemeinsamen Weg unter Gottes Segen gehen wollen?

Kloker: Wir segnen ja in der katholischen Kirche beinahe alles und haben sogar ein Segensbuch, in dem alle möglichen Gegenstände vorkommen. Wir möchten mit dem Segen etwas Gutes tun. Und dann ist die Frage einfach berechtigt, warum gleichgeschlechtliche Paare, die in einer treuen, verlässlichen Beziehung und in einer christlichen Haltung zusammenleben, nicht gesegnet werden dürfen.

  1. Wie könnte die Segnung von gleichgeschlechtlichen Paaren künftig aussehen?

Kloker: Bisher gibt es keine Rituale und Formen, da müsste sich dann die liturgiewissenschaftliche Forschung damit befassen. Ich hatte hier auch noch keine Anfrage. In großen Städten wie z.B. Stuttgart sieht das anders aus.

Richter: Auch bei uns gibt es keine allgemeingültige Agenda. Jedoch vertraut die Landeskirche eine spezielle Agende den Gemeinden an, die den Prozess bis zur Genehmigung durchlaufen haben.

Richter und Kloker: Im Mittelpunkt würde für uns ein Segensgebet und der Segenszuspruch stehen, flankiert von Liedern und einer Schriftstelle von der Liebe.

 

18.05.2021/Sibylle Schwenk