Christen und Menschen in Einsamkeit

„Ich habe keinen Menschen.“ Je älter der Mensch, desto öfter fällt dieser Satz. Seit der Corona-Pandemie hört man ihn aber auch immer öfter und auch von den Jüngeren. Viele Menschen fühlen sich seit den geltenden Kontaktbeschränkungen einsamer. Für manche ist die Einsamkeit wie eine dunkle Wolke geworden, die sich bedrohlich nähert, einen mit Kälte umhüllt und für so manchen in die Ausweglosigkeit führt. Einsamkeit macht Angst und überfordert. Manche trauen sich schon gar nicht mehr darüber zu sprechen.
Was steckt dahinter? Und gibt es aus christlicher Sicht Erhellendes hierzu?
Ein Gespräch mit Martin Keßler, Seelsorger für Menschen in Not und Dr. Friedrich Wallbrecht, Pfarrer im Ruhestand und Seelsorger im Ambulanten Hospiz-Dienst.

Erleben Sie Einsamkeit? Persönlich und in Ihrer seelsorglichen Praxis?
Martin Keßler: Klar fühle ich mich manchmal einsam, aber eher in Gesellschaft, allein praktisch nie.
Derzeit erlebe ich eine große Einsamkeit bei Menschen im Krankenhaus, weil Besuche außer bei Geburt und Sterben bzw. Tod nicht möglich sind.

Friedrich Wallbrecht: Einsamkeit empfinde ich auch als ein manchmal gefährliches Augenblicks-Gefühl. Ich fühle mich dann unverstanden, überflüssig, nutzlos und treffe mitunter auf Menschen mit einer ähnlichen Stimmung.

Was meint eigentlich einsam? Ist man alleine einsam? Ist man in der Gemeinschaft einsam?
Wallbrecht: Einsamkeit ist ein Lebensgefühl, ganz innen und grundsätzlich. Das eigene Leben fühlt sich jämmerlich unbedeutend an. Es ist schon verrückt, dass man sich auch inmitten von Menschen einsam vorkommen kann.

Wie kann man Einsamkeit erkennen?
Keßler: Von außen und ferne geht gar nichts. Am besten man kommt mit Menschen ins Gespräch und fragt wie es Ihnen geht. Entweder sie erzählen dann von ihren Beschwernissen oder sie sagen einem bei der Verabschiedung, wie dankbar sie sind, dass sie besucht wurden und sie erzählen durften.

Wallbrecht: Manchmal aber lässt sich schon an Haltung und Verhalten erahnen, dass Menschen sich im Abseits befinden.

Was hilft gegen Einsamkeit?
Keßler: Rechtzeitig in Beziehungen und Menschen investieren, d.h. sich um andere bemühen und ein stabiles soziales Netzwerk aufbauen. Wichtig erscheint mir, es generationsübergreifend zu tun.
Sobald das Kind in den Brunnen gefallen ist, wird es schwierig, weil z.B. gerade kranke und gebrechliche Menschen wenig Kontaktmöglichkeiten und Ressourcen haben. Hier hilft dann die Barmherzigkeit anderer weiter.

Gibt es christliche Einsamkeit?
Keßler: Christliche Einsamkeit wäre der Mangel an Gotteserfahrung. Gott wird mitunter als verborgen, unverständlich, fern, abwesend erlebt. Das ist so, weil wir Menschen und nicht Gott sind. Unser Glaube wird in menschlichen Kategorien erfahren, auch wenn Gott nah, zugewandt, anwesend erlebt wird.

Wallbrecht: Derzeit noch kritischer ist der Mangel an Gemeinschaftsgefühl unter Christen und in unseren Kirchen. Ein religiöses Gottesgefühl, sei es noch so innig und spirituell, es kann soziale Bedürfnisse nicht ersetzen. Wer sich als Christ dauernd einsam fühlt, wird seinen Glauben an Gott in den Kirchen verlieren.

Was können wir aus der Bibel oder aus dem Glauben lernen?
Keßler: Ich lese gerade wieder bei Hiob, der alles bis auf sein nacktes Leben verliert. Letztlich dürfen wir Gott nicht aus der Verantwortung lassen, d.h. notfalls klagend, sogar anklagend sich an ihn wenden. Und es empfiehlt sich, keine schnellen und einfachen Antworten zu erwarten, sondern wach und erwartungsvoll das Überraschende zu suchen. Sonst wäre Gott nicht Gott.

Wallbrecht: Für mich kommen die Psalmen dazu. Diese gläubigen Liedtexte der Bibel setzen auf Zeit. Sie ermutigen, auf bessere Zeiten zu hoffen. Eigentlich ist die ganze Bibel ein Trostbuch, sich von Einsamkeitsgefühlen nicht überwältigen zu lassen.

02.04.2021/Sibylle Schwenk/Dekanat Ostalb

Fotos (privat): Pfr. Friedrich Wallbrecht und Martin Keßler