Christen und Umgangstöne

Ein Gespräch mit dem evangelischen Schuldekan Dr. Harry Jungbauer (links)  und Tobias Kriegisch

Kaum ein Bereich hat sich durch die Digitalisierung und die Nutzung neuer Medien so stark verändert wie die Kommunikation. Corona hat sogar noch eine Schippe draufgelegt. Wir telefonieren kaum noch, schicken Nachrichten und Mitteilungen per WhatsApp, setzen ein Zwinkersmiley hinter jeden zweiten Satz. Alles nicht so gemeint. Stimmungen fließen immer unterschwellig mit. Anonymisierte Botschaften, ungefragte Stellungnahmen auf Social Media – die Umgangstöne sind rau geworden, vielleicht unüberlegter, verletzend, enthemmt. Was sagen Christen dazu? Gehen Christen in diesem Bereich achtsamer, überlegter vor?

Warum ist aus Ihrer Sicht die Kommunikation so kompliziert geworden?

Jungbauer: Die Kommunikation läuft auf verschiedenen Kanälen. Neben dem persönlichen Miteinander gibt es zusätzliche Möglichkeiten, zum Beispiel verschiedene Mailaccounts. Weil man sich aus Zeitgründen nicht mehr fragen kann, mit wem und in welchen Stil kommuniziert wird, geht sie vorbei am Adressaten.

Kriegisch: Obwohl es oft keine einfachen Antworten gibt, will jeder etwas zu allem sagen. In den Medien siegt eher der Schlagabtausch als eine echte Kommunikation, wie das Beispiel Trump deutlich zeigt.

Reaktionen und Kommentare zu verschiedenen wichtigen Themen z. B. in der Politik werden geraderaus geschrieben. Woran liegt es, dass Menschen oft voller Hass reagieren?

Jungbauer: Das Gegenüber geht verloren! Wir nehmen die anderen nur noch in einem bestimmten Blickwinkel wahr und reagieren nur noch auf eine Sache und nicht auf den Menschen, der dahintersteckt.

Kriegisch: In Kommentaren, beispielsweise in den sozialen Medien, befeuert man sich gegenseitig und die Hemmschwelle wird immer niedriger.

Was vermissen Sie in der modernen Kommunikation?

Kriegisch: Die schöne Sprache leidet!

Jungbauer: Auch der Rahmen geht verloren. In Mails fehlt oft eine freundliche, wertschätzende Anrede und ein Gruß am Ende. Dem versuche ich bewusst gegenzusteuern.

Was machen Sie als Christen anders?

Kriegisch: Wir sollten alle mit gutem Beispiel vorangehen! Dazu gehört auch, Dinge klar aber freundlich zu benennen und den Mut zu haben, einzuschreiten, sollte jemand diffamiert werden.

Jungbauer: In der christlichen Medienbildung zeigen wir Wege auf, wie man sinnvoll kommunizieren kann. Es gilt einzuschreiten, sollte die Kommunikation entgleisen.

Welche Tipps geben Sie noch für eine gute und faire Kommunikation?

Jungbauer: Man könnte es sich wieder angewöhnen, die Zwischentöne einer Kommunikation zu hören und wahrzunehmen. Hilfreich kann auch sein, einfach das Tempo rauszunehmen, die Kommunikation bewusst zu entschleunigen. Inhaltlich sollte es für alle wieder zur Gewohnheit werden, nicht einfach alles verbreiten zu wollen, was man gerade eben mal gehört hat. So entstehen oft Lügen oder Halbwahrheiten. Und bei der schriftlichen Kommunikation rate ich einfach: Lieber nochmal lesen bevor der Senden-Button gedrückt wird und überprüfen, ob in meinen Worten eine offene Klinge raussteht.

Kriegisch: Kommunikation ist keine Einbahnstraße. Die Person, an die meine Worte gerichtet sind, sollte ich im Blick haben, als stünde sie vor mir. Sich immer wieder der Macht der Worte bewusst zu sein, ist auch etwas, was viel zu selten geschieht. Worte können viel Gutes bewirken, aber auch viel kaputt machen!

15.10.2020/Dekanat Ostalb/Schwenk