Christen und Krisen

Vom Tool des Glaubens  

Was genau meinen Christen eigentlich, wenn sie davon sprechen, dass der Glaube für sie ein Halt im Leben sein kann? Wie funktioniert dieses Tool des Glaubens, des Nicht-Wissens und des Vertrauens in einen Gott, von dessen Gestalt man sich aus Deutungen ein Bild machen muss? Es klingt weit weg. Weit weg vom Leben, von dem, was auf unserem Planeten gerade passiert… Aber wenn es funktionieren würde, dann könnte das eine riesige Chance sein. Halt im Leben finden, fröhlich in den Tag gehen, vertrauensvoll den Weg zur Arbeit und zum nächsten Gespräch gehen, den Tod ertragen können. Sich fallen lassen können, eine Macht über sich wissen, die trägt und über allem irdischen Klein-Klein steht. Eine wunderbare Vorstellung! Vor allem deshalb, weil sie Menschen durch Krisen tragen kann. Lebenskrisen, Krisen durch Kriege, Krisen, ausgelöst durch Naturkatastrophen, durch die Pest, durch verfehlte Ideologien, durch Viren. Immer wieder hat es der christliche Glaube geschafft, Menschen, die sich darauf eingelassen haben, durch solche Krisen zu manövrieren. Wie sieht das heute aus? Wie gehen Christen mit dieser Corona-Krise um?

Fragen an Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker

Sind Menschen in Krisen besonders empfänglich für den Glauben an eine höhere Macht?

Richter: Ich denke schon. Krisen sind Unterbrechungen von Gewohntem und man macht sich Gedanken, wo der eigene Horizont ist.

Kloker:  Ja und nein. Es ist wohl ein diffuses Gefühl der Hilflosigkeit, das Menschen dazu bringt, an eine höhere Macht glauben zu wollen.

Was genau ist die Chance im Christsein, diese momentan herrschende Situation des Social distancing gut zu meistern?

Kloker: „Wer glaubt ist nie allein“. Das sagte Papst Benedikt XVI. Glaubende Menschen sind immer in eine größere Gemeinschaft durch das Gebet eingebunden, auch wenn Begegnungen nicht möglich sind. Deshalb ist Christsein momentan wirklich eine große Chance.

Richter: Ein prominentes Beispiel dafür ist auch Dietrich Bonhoeffer, der sich in der Zeit seiner Gefangenschaft unter den Nazis bis hin zu seiner Hinrichtung trotz sozialer Distanz in enger Verbindung zu Gott und den anderen Menschen gefühlt hat. Das drückt er in seinem Lied „Von guten Mächten wunderbar geborgen“ aus.

Manche Menschen erkennen auch die Rückbesinnung auf das Wesentliche. Christliche Werte wie Solidarität und gegenseitige Fürsorge werden in dieser Krise wieder stärker. Welcher christliche Wert wird noch unterschätzt oder sollte noch mehr Aufmerksamkeit bekommen?

Richter: Ich finde wir sollten den Freiheitsgedanken überdenken, gerade jetzt, wo Verschwörungstheorien und die Diskussion um individuelle Freiheitsrechte immer mehr Raum bekommen. Die christliche Freiheit bedeutet: Freiheit in Verantwortung für andere. Eigenes Tun hat immer Auswirkungen auf andere.

Kloker: Werten wie Selbstbeschränkung und Disziplin könnte mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden. Da könnten wir viel von der Lebensweise in den Klöstern lernen. Sich im Blick auf die anderen zurückzunehmen – ein christlicher Wert, der momentan stark gefragt ist.

Der Glaube in der Gemeinschaft wird momentan auf eine Probe gestellt. Wie kann er dennoch ganz konkret gelebt werden?

Richter und Kloker: Wir haben hier in Schwäbisch Gmünd vieles ausprobiert, haben Impulse zum Mitnehmen ausgelegt, digitale Formate entwickelt und versucht, Hilfestellungen aus dem Glauben heraus zu geben. Dadurch sind wir auch in dieser Zeit ganz nahe an den Menschen, auch wenn das Feiern der Gottesdienste nicht in der gewohnten Weise möglich ist.

Können Sie das Gefühl beschreiben, als Sie das letzte Mal die „Intervention“ Gottes in Ihrem Leben gespürt haben?

Kloker: Gott kommt auf leisen Sohlen, würde ich sagen. Oft habe ich erst im Nachhinein erkannt, dass Gott mich getragen hat. Mein Vater ist sehr früh gestorben. Dass mein Leben dann so verlaufen ist, führe ich auf die Weisung Gottes zurück.

Richter: Als ich in Schwäbisch Gmünd angefangen habe, stand ich vor großen Herausforderungen. Natürlich hatte ich auch Angst davor, alles zu schaffen. Doch ich habe Entlastung gespürt, eine haltende Hand. Vertrauen auf Gott schenkt Kraft und Mut. (Es ist wie es ist, es ist da, es ist Gott und es ist das Licht.)

Richter und Kloker: Gott ist nicht verfügbar. Wir können sein Handeln und Wirken nicht einfordern, sondern uns nur beschenken lassen. Auch durch die Begegnung mit anderen Menschen kann man eine göttliche Erfahrung haben. Diese Zeit birgt eine große Chance, Vertrauen zu wagen, sich auf Gott einzulassen!

 

Foto (Schwenk): Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker, „Fensterbild“ aus dem Kapitelshaus.