Christen und Umwelt

Sonntagsbraten und Veggie-Days

Ein Gespräch mit Reiner Focken-Sonneck und Wilfred Nann

Umweltschutz oder – christlich ausgedrückt – die Bewahrung der Schöpfung ist seit vielen Jahren ein zentrales Thema in den Kirchen. Der ökumenische Rat der Kirchen ist schon seit Jahrzehnten ein großer Anwalt für den Umweltschutz. Christen sehen sowohl ihr Leben, als auch die Welt, in die sie hineingeboren werden als ein Geschenk Gottes an. Der verantwortungsvolle Umgang mit diesem Geschenk geht damit einher.

Reiner Focken-Sonneck ist Diplom-Agrarbiologe, er war in der Entwicklungshilfe tätig und bis 2015 in der Verwaltung der Organisation „Brot für die Welt“. Er engagiert sich seit 30 Jahren im Weltladen Schwäbisch Gmünd.

Wilfred Nann ist Diplom-Theologe und Leiter der Katholischen Erwachsenenbildung im Ostalbkreis.

Beide setzen sich in ihrer momentanen Arbeit für Nachhaltigkeit, damit für Umwelt- und Klimaschutz ein.

Wo finden sich die großen und kleinen Stellschrauben für den Klimaschutz?

Reiner Focken-Sonneck: Zunächst sollten wir alle begreifen, dass wir jede und jeder von uns nicht von außen auf die Dinge schauen können, sondern dass wir ein Teil der Umwelt sind. Alles, was wir tun oder lassen, ist umweltrelevant. Eine große Stellschraube in Sachen Klimaschutz ist deshalb unser eigenes Verhalten, unser Konsumverhalten. Im Grunde müssten wir alle unseren Konsum, der momentan eine Produktion von 12 Tonnen Kohlenstoffdioxyd pro Person im Jahr verursacht und damit fast 90 Prozent der Treibhausgase, um die Hälfte verringern. Dafür brauchen wir beides: Die politische Lobbyarbeit und das eigene Verhalten.

Das klingt nach einer Herkulesaufgabe. Können Sie ganz konkrete Beispiele nennen, wie man im Alltag umweltbewusst leben kann?

Nann: Ein einfaches Beispiel ist die Ernährung. Wir essen in Deutschland momentan 5 Kilogramm Fleisch im Monat. Das ist doppelt so viel, wie für uns gesund ist – und für unser Klima. In der Tradition der Christen gibt es freitags kein Fleisch. Das könnte doch wieder zur Regel werden. Jede Woche gibt es zwei oder drei „Veggie-Days“. Oder die Renaissance des Sonntagsbratens… Wir könnten generell in unserem Konsumverhalten achtsamer sein. Brauche ich das wirklich? Habe ich das noch irgendwo liegen und könnte es vielleicht reparieren? Kann ich dieses Werkzeug mit dem Nachbarn teilen? Oder das Auto? Was die Mobilität hier im ländlichen Raum betrifft, da müssen wir noch viel kreativer werden!

Ihrer Ansicht nach hat die Corona-Zeit gezeigt, dass Menschen durchaus auf etwas verzichten können…

Nann: Genau, wir haben doch gesehen, dass die Solidarität untereinander funktionieren kann, wenn man zum Beispiel an das Tragen der Schutzmasken denkt. Dieses Gefühl, ich schütze mit meinem Verhalten andere, das lässt sich auch auf das Klima übertragen. Und: Es ist ein gutes Gefühl! Corona zeigte: Wir können uns ändern, wir sind bereit dafür, auch Einschränkungen hinzunehmen. Das müssen wir deshalb tun, weil wir nicht weiter so leben können, als hätten wir zwei Erden zur Verfügung.

Wie nehmen die evangelische und katholische Kirche diesen Faden des Klimaschutzes auf?

Focken-Sonneck: Mit deutschlandweit 1,3 Millionen MitarbeiterInnen haben wir schon einen Einfluss auf dieses Thema. Vor Ort haben wir die Initiative „Faire Gemeinde“ bekannt gemacht. Wir möchten alle Kirchengemeinden animieren, an der Umsetzung teilzunehmen. Es geht unter anderem um die Verwendung von fairem Kaffee und Produkten aus dem fairen Handel bei kirchlichen Veranstaltungen. Es geht um Müllvermeidung und den fairen Umgang mit Ressourcen oder die Verwendung von Recyclingpapier.

Nann: Wir werden weiter als Botschafter in den Kirchengemeinden und den neu gewählten Kirchengemeinderäten unterwegs sein, um die Anliegen der Nachhaltigkeit in die Gemeinden zu tragen. Es ist eine Handlungsform, in der wir den Glauben ganz konkret machen können. Und es bedeutet keine Einschränkung, sondern wir erleben Gemeinde nochmal anders. Es ist bereichernd für uns, dient dem Klimaschutz und der weltweiten Gerechtigkeit. Denn: Wir sind Teil dieser Umwelt. Wir haben es in der Hand.

06.07.2020/Sibylle Schwenk

Foto (Schwenk): Wilfred Nann (links) und Reiner Focken-Sonneck: „Alles, was wir tun oder lassen, hat eine unmittelbare Auswirkung auf das Klima“.