Christen und Krankheit

Von einem Tag auf den anderen ist alles anders. Plötzlich geht es nicht mehr um das nächste Projekt bei der Arbeit, den Streit mit der Behörde oder den Ärger mit einem Kollegen. Plötzlich dreht sich alles nur um die Krankheit, die Diagnose, die alle Aufmerksamkeit fordert und das Leben umkrempelt. Was passiert? „Viele Menschen hadern dann nicht nur mit ihrem Schicksal, sondern mit sich selbst und mit Gott“, sagen die beiden Klinikseelsorger am Stauferklinikum Mutlangen, Benedikt Maier und Peter Palm. Warum das Hadern wichtig ist, warum die Entwicklung psychischer Widerstandskraft (Resilienz) eine wichtige Kraftquelle sein kann, und was Christen in einer schweren Krankheitsphase Halt geben kann, darüber haben wir mit den beiden Klinikseelsorgern gesprochen.

Wie kann man denn verhindern, dass man in ein großes Loch fällt, wenn man von einer schweren Krankheit getroffen wird?

Benedikt Maier:

Fest steht nach meiner Erfahrung, dass der Glaube psychische Widerstandskraft (Resilienz) fördert. Dabei hat offensichtlich das Phänomen des Vertrauens eine zentrale Bedeutung. Das zeigt sich auch, wenn wir in die Bibel schauen: Wer auf Gott vertraut, geht nicht zugrunde. Gottvertrauen wird als Schlüssel für Krisenbewältigung verstanden und als Kraft erfahren, um Schweres durchzustehen. Resilienz meint allerdings nicht Unverletzlichkeit, sondern das Glück gelingenden Lebens inmitten aller Verwundungen und Unvollkommenheiten.

Wie gehen Sie als Klinikseelsorger in so einer Situation vor?

Peter Palm: Wir suchen gemeinsam mit den Kranken nach ihren persönlichen Kraftquellen. Was tut mir in dieser Situation gut? Wir versuchen klar zu machen, dass die Hilfe in der Situation von einem selbst kommen kann, sogar kommen muss, und nicht nur von Gott, denn Gott ermutigt zu eigenem Handeln! Das Annehmen der Situation ist ein wichtiger Schritt, um nicht an der Krise oder Krankheit zu zerbrechen. In der Sorge um die Seele der Menschen stehen wir ihnen bei.

Was antworten sie auf Fragen wie „warum tut mir Gott das an“?

Palm: Ich ermutige zunächst, diesen Zweifeln nicht auszuweichen. Nur wenn man den Zweifeln begegnet kann man sie bearbeiten. Dabei versuche ich die Zweifel sehr ernst zu nehmen, die Wut und die Angst. Die Klage wird hier zu einer ganz legitimen Gebetsform.

Maier: Zuhause bei mir im Wohnzimmer hängt ein Emmausbild der deutsch-amerikanischen Künstlerin Janet Brooks-Gerloff. Jesus geht darauf fast unsichtbar neben den beiden zweifelnden Jüngern her. Unaufdringlich, wahrnehmend. Für mich ein Leitbild seelsorgerlichen Arbeitens. Es gilt zunächst die Fragen nach dem Warum, die Zweifel gemeinsam mit dem Patienten auszuhalten ohne dabei der Versuchung zu erliegen, diesen mit wohlgemeinten Ratschlägen belehren oder gar vertrösten zu wollen.

Inwiefern ist das Umdenken, das Annehmen einer Situation wichtig für die Entwicklung von Resilienz und wie können Sie dabei helfen?

Maier: Ich möchte noch einmal zu dem Emmausbild zurückkehren. Am Ende erkennen die beiden Jünger beim Brotbrechen ihren totgeglaubten Meister. Diese Erkenntnis löst ihre Erstarrung und ermutigt sie zum Weitergehen. Vielleicht kann darin auch eine Ermutigung für unsere Patienten liegen. Nicht umsonst wird in der Resilienzforschung die Zukunftsorientierung als wichtiger Faktor benannt.

Palm: Ich glaube wir können dabei helfen, dass der kranke Mensch in kleinen Schritten denkt, das momentan Machbare erkennt und annimmt. Wir können auf kleine Dinge aufmerksam machen, die das Leben immer noch schön machen, die Achtsamkeit schärfen.

Was gibt Halt in einer schweren Krankheitsphase und wie können wir uns darauf „vorbereiten“?

Palm: Unsere inneren Kraftquellen sollten wir herausfinden und sie auch pflegen, einfach für sich selbst sorgen, sich annehmen, eine positive Sicht auf sich selbst pflegen.

Maier: „Was habe ich denn getan, dass Gott mich so straft?“ Oft höre ich das bei meinen Besuchen am Krankenbett. Die bekannte Trauerbegleiterin Chris Paul rät im Umgang mit solchen Schuldfragen zum Innehalten (unkommentiert stehenlassen), Abstand halten (wertfrei wahrnehmen) und Aushalten (keine vorschnellen „Lösungen“). Wenn Schuld wie eben beschrieben angesprochen wird, sind Schmerz und Leid spürbar. Das gilt es auszuhalten. Für uns Christen kann der mit-leidende Gott Halt gebend sein. Jesu Tod am Kreuz bedeutet, dass einer sich mit dem anonymen Leid unzähliger Menschen identifiziert.

12.08.2020 Sibylle Schwenk

Foto (Schwenk): Die beiden Klinikseelsorger in der Kapelle des Stauferklinikums Mutlangen: links Peter Palm, rechts Benedikt Maier