Von der Sehnsucht nach Frieden und Heimat

Die Diözese Rottenburg-Stuttgart engagiert sich seit Jahren in der Fluchtursachenbekämpfung – ein Interview mit Domkapitular Dr. Heinz-Detlef Stäps

Vortrag am 15. September um 19.30 Uhr im Jeningenheim, Ellwangen 

Stäps mit Flüchtlingskind

Was treibt Menschen in die Flucht? Warum steigen Menschen in Boote, riskieren ihr Leben, lassen Erinnerungen und Verbindungen zurück? Unerträgliche Situationen sind es. Bomben, die über Köpfe fliegen, keine Nacht ohne das Geheul von Sirenen, schreiende Kinder, Hunger, Korruption. Keine Heimat mehr. „Niemand“, so sagt Heinz-Detlef Stäps, Leiter der Hauptabteilung Weltkirche der Diözese Rottenburg-Stuttgart, „verlässt einfach so seine Heimat und sein bisheriges Leben“.

Händeringend suchen Politiker nach Lösungen, wie Flüchtlinge europaweit verteilt werden können. Doch es gibt auch andere Ansätze. Solche, die versuchen, den Menschen in ihrem Land zu helfen, ihnen menschenwürdige Lebensbedingungen zu schaffen. Fluchtursachen bekämpfen. Hier setzt das Konzept der Diözese Rottenburg-Stuttgart an. Gemeinsam mit Caritas International sind zahlreiche Projekte angestoßen worden, die nicht nur Soforthilfe leisten und das Überleben von Flüchtlingsfamilien in Auffanglagern zu sichern, sondern bei aller Notlage auch die Zukunftsperspektive dieser Menschen neu entwickeln.

 

Herr Domkapitular Dr. Stäps, wo ist die Diözese momentan mit ihren Geldern zur Stelle, um Menschen in ihrer Heimat zu helfen? Wo ist die Lage besonders prekär?

Laut Bericht des Flüchtlingskommissariats der Vereinten Nationen UNHCR kamen 2015 mit über 10 Mio. Menschen die meisten Flüchtlinge aus nur fünf Ländern: Syrien, Afghanistan, Somalia, Südsudan und Sudan, und bis auf 11 % von ihnen fanden alle Aufnahme in Nachbarländern, wie z. B. in der Türkei (2,5 Mio.), in Pakistan (1,6 Mio.), im Libanon (1,1 Mio.) im Iran (1 Mio.), in Jordanien (0,6 Mio.) Die andauernden gewalttätigen Konflikte und Kriege im Mittleren Osten waren auch für mehr als die Hälfte der 2015 neu Binnenvertriebenen verantwortlich, hauptsächlich in Syrien, Yemen und Irak.  Damit sind auch größtenteils die Länder genannt, in denen die Diözese Rottenburg-Stuttgart zusammen mit lokalen Hilfsorganisationen, insbesondere Caritas, schwerpunktmäßig Hilfe für Flüchtlinge leistet, nämlich in Syrien, Jordanien, Libanon, Irak und Südsudan.

Wie sehen die Hilfen/Programme der Diözese konkret aus?

Neben der reinen Nothilfe für Flüchtlinge, die in Lagern leben, für alles, was sie zum täglichen Leben brauchen: Wohnraum, Nahrung, Trinkwasser, Medizin, Hygieneartikel, Kleidung, Decken, Haushaltgegenstände…, fördert die Diözese vielfach Bildungsprojekte, Schulen und berufliche Bildung sowie Mutter-Kind-Programme und medizinisch-psychologische Betreuungsprogramme in den Haupt-Aufnahmeländern für syrische Bürgerkriegsflüchtlinge wie Jordanien, Libanon und Nordirak. Über 50 % der Flüchtlinge dort sind Kinder im schulpflichtigen Alter und junge Menschen, die ihre Ausbildung noch nicht abgeschlossen haben. In Erbil wurde der dortigen Erzdiözese daher auch geholfen, die Außenstelle einer Universität zu gründen, um rund 1.900 Studenten aus Flüchtlingsfamilien Zukunftsperspektiven zu eröffnen.

Nach welchen Kriterien wählen Sie Projekte aus? Müssen die Betroffenen Katholisch sein?

Die Religionszugehörigkeit spielt überhaupt keine Rolle, allein die Notlage, die Bedürftigkeit der Betroffenen zählt. Natürlich leben im Mittleren und Nahen Osten überwiegend Menschen moslemischen Glaubens, das spiegelt sich auch in den Flüchtlingszahlen wider. Beim Überfall des sog. Islamischen Staats auf Großstädte im Nordirak vor zwei Jahren wurden allerdings auch über 1 Mio. Menschen vertrieben, die hauptsächlich Christen und Jesiden waren. Sie fanden Schutz in den nördlichen Regionen Erbil und Zakho, wo die Diözese Rottenburg-Stuttgart seitdem tatkräftig die Partnerkirchen und ihre Hilfsorganisationen in ihrer Sorge für die binnenvertriebenen Familien unterstützt.

Sie sind persönlich auf Reisen und besuchen die Krisengebiete. Wie kommen die Menschen auf Sie zu? Wie erleben Sie sie?

Die Menschen in Lagern sind in Sicherheit und mit dem Nötigsten versorgt, gewiss. Aber ihre größte Sehnsucht lässt sich nicht stillen: ein normales Leben unter menschenwürdigen Bedingungen mit Perspektiven für eine persönliche Zukunftsgestaltung. Darum schlägt uns Besuchern nicht selten auch Enttäuschung und Verbitterung entgegen, v. a., wenn beruflich hochqualifizierte Menschen: Ärzte, Lehrer, Architekten, Ingenieure, Handwerker seit Jahren schon untätig festsitzen, z. B. in Jordanien oder im Libanon, wo sie nicht arbeiten dürfen. Die Hoffnung dieser Menschen, die kaum jemals ihre Heimat wiedersehen werden, richtet sich vielfach auf Europa.

Was war bisher Ihr eindrücklichstes Erlebnis?

Einen großen Eindruck hat auf mich der Erzbischof von Erbil im Nordirak gemacht Bashar Matti Warda, den ich im Februar d. J. besucht habe. Er ist ein Mann mit Visionen und großer Tatkraft. Seit Beginn der Flüchtlingsflut hat er die Hilfe für alle Flüchtlinge zum obersten Ziel seiner Pastoral erklärt. Von allen seinen Mitarbeitern erwartet er, dass sie die Flüchtlingshilfe ebenfalls zu ihrer ersten Priorität machen. Mit einem engagierten Team von Priestern, Ordensfrauen und Laien hat er eine stabile Lage geschaffen, in der die meisten Flüchtlinge gut leben können. Sein Credo ist Bildung, denn „Wer eine solide Ausbildung genossen hat und wer die Werte der katholischen Kirche in sich aufgenommen hat“, ist er überzeugt, „der ist nicht nur davor gefeit, in Radikalismus und Extremismus abzugleiten, sondern er hat auch eine gute Startposition für die Jobsuche, hier oder im Ausland.“ Und so tut man in Erbil alles, damit Menschen in Not sich nicht vergessen fühlen, dass sie nicht nur überleben, sondern menschenwürdig leben können.

Wonach sehnen sich die Menschen in Krisengebieten am meisten?

Nach Frieden, Sicherheit, Freiheit und der Möglichkeit, für sich und ihre Familien eine bescheidene Existenz aufbauen zu können. Es reicht nicht, nur das Nötigste zum Leben zu haben und vor unmittelbarer Gefahr für Leib und Leben geschützt zu sein, sondern auch die Lebensbedingungen der Menschen müssen sich soweit bessern, dass sie Zukunftsperspektiven entwickeln können, ohne ihre angestammten Siedlungsgebiete verlassen zu müssen.

Und was treibt Sie dennoch in die Flucht?

Dass sie das alles eben nicht haben und ihre Not und elendige Lage in ihren Heimatländern so groß, trost- und ausweglos ist, dass sie sogar bewusst das Risiko des eigenen Tods in Kauf nehmen, um ihrem qualvoll-jämmerlichen Schicksal daheim zu entkommen. Ein Bootsflüchtling aus Westafrika, der zum Glück unversehrt nicht nur das oft für Flüchtlinge todbringende Mittelmeer, sondern zuvor auch schon das nicht weniger lebensbedrohende ‚Meer‘ der Sahara durchquert hatte, wurde im Aufnahmelager in Italien von Journalisten gefragt, warum er diese Risiken alle auf sich genommen habe, und er antwortete: „Weil ich im Grunde vorher im Norden Nigerias schon tot war.“

Dass Kirchensteuer-Mittel auch für solche Zwecke ausgegeben werden, ist gar nicht so bekannt. Von welchen Beträgen reden wir?

2015 hat die Diözese aus Haushaltsmitteln fast 15 Mio. € für weltkirchliche Aufgaben aufgewendet. Ca. 6 Mio. € als Zuschüsse für Projekt unserer Partner in Übersee und Südosteuropa und gut 3 Mio. € aus dem Zweckerfüllungsfonds Flüchtlingshilfe, die allesamt durch die Hauptabteilung Weltkirche selbst vergeben wurden. Und rund 5,6 Mio. € gingen zusätzlich über den Verband der Diözesen Deutschlands an die Weltkirche.

Bei all dem Leid – sehen Sie auch ein Licht am Ende des Tunnels?

Es wäre zu blauäugig, selbst bei einer sofortigen Vervielfachung der öffentlichen wie der privaten Mittel für die Entwicklungszusammenarbeit und damit für die Bekämpfung von Fluchtursachen kurzfristig eine Entspannung und Lösung der weltweiten Probleme zu erwarten. Kriege und Konflikte, Verfolgung und Gewalt sind die Hauptgründe für Flucht und Vertreibung. Der Krieg in Syrien, der bis heute für etwa 12 Mio. Flüchtlinge und Binnenvertriebene verantwortlich ist, dauert schon fünf Jahre und niemand glaubt ernsthaft, weder, dass er sich bald beenden lassen wird noch, dass selbst nach seiner Beendigung Frieden und Sicherheit im Mittleren Osten einkehren werden.

Massenelend, Armut und Ungebildetheit weltweit sind die Ursachen dafür, dass sich Menschen unterdrücken, verführen, radikalisieren und vor den Karren von Kriegstreibern und Despoten spannen lassen. Die christlichen Kirchen und alle Menschen guten Willens müssen das Licht voraus in die Finsternis hineintragen, indem sie, auch unter den Religionen weltweit, für Frieden und Versöhnung für gegenseitigen Respekt eintreten, unbeirrt Bildung fördern und Armut bekämpfen und selber kollektiv und individuell vielfach zurückstecken, um die globale Ungerechtigkeit und Ungleichheit zu beenden. Aber bis dahin ist es noch ein weiter und mühsamer Weg.

 

Info: Am 15. September ist Domkapitular Dr. Heinz-Detlef Stäps in Ellwangen. Er wird die kirchlichen MitarbeiterInnen der Landeserstaufnahmestelle besuchen und um 19.30 Uhr einen öffentlichen Vortrag über seine Arbeit und die Fluchtursachenbekämpfung der Diözese Rottenburg-Stuttgart im Jeningenheim halten.