Ehrlich denken, reden und handeln

Ein neuer Beitrag in der Reihe „kreuz und quer“: Glaubwürdigkeit von Menschen, Politikern, Unternehmen und Kirchen

Wem kann ich noch glauben? Das fragt sich die Eine oder Andere in diesen Tagen. Die Bundestagswahlen sind vorbei, die Wahlkampfreden liegen in den Archiven. Was von den Versprechen an die Menschen noch übrigbleiben wird, weiß niemand ganz genau. Auch die Medien haben an Glaubwürdigkeit verloren. Was sind Fakenews, welche Nachricht ist gut recherchiert und demnach wahr? Nicht zuletzt haben die Kirchen an Glaubwürdigkeit verloren. Wem kann man also noch trauen? Und wie geht man mit Unwahrheiten und falschen Versprechungen um? Ein Gespräch in der Reihe „kreuz und quer“ mit Dekanin Ursula Richter und Dekan Robert Kloker.

Was denken Sie: Können die Wahlkampfversprechen der Kanzlerkandidaten/in gehalten werden oder sind Sie da eher skeptisch?

Richter: Ich bin da eigentlich optimistisch! Die Kandidierenden sprachen im Wahlkampf natürlich aus voller Überzeugung. Doch jede Demokratie ist auf Kompromisse angewiesen. Es ist jetzt die Aufgabe der Gewählten, aus konträren Meinungen zusammenzufinden und daraus Gesetze zu machen, die den erhofften Schub geben. Persönlich hoffe ich, dass die Gesellschaft dadurch wieder enger zusammenrückt.

Kloker: Demokratie lebt von einer guten Streitkultur. Im Wahlkampf werden Wege aufgezeigt, die möglich sein können. Jedoch müssen sich die Absichtserklärungen der einzelnen Parteien an der realen Situation bewähren. Sicher lässt sich da nicht alles eins zu eins umsetzen.

Wie kann man den Zwiespalt aushalten etwas zu versprechen und dabei genau zu wissen, dass dieses nicht eingehalten werden kann, z.B. durch fehlende Finanzierungsmöglichkeiten?

Richter: Unredlich und unwahrhaftig sind Wahlversprechen, wenn sie populistisch sind. Bei uns gibt es bei der Ordination zum Pfarrdienst eine recht gute Formulierung finde ich: „nicht den Menschen zu Gefallen zu reden, sondern Gott“. Das muss man sich immer wieder vor Augen führen. Ich soll nicht reden, um Menschen rumzukriegen, sondern… glaubwürdig sein im Denken, Reden und Handeln.

Wie begegnen Sie den Unwahrheiten, die in den Medien verbreitet werden?

Kloker: Wir sind da als Kirche in einer Sonderposition. Wir können prophetisch auftreten und Missstände ansprechen. Ich erlebe in Social media selbst meine eigene Hilflosigkeit. Der Staat sollte hier regulierend eintreten, damit gewisse Spielregeln beachtet werden. Hier geht es um die Entwicklung einer neuen Medienkultur. Es muss Grenzen geben bei persönlicher Diffamierung und Verunglimpfung!

Bei wem oder bei was haben Sie besonders viel an Glaubwürdigkeit gespürt?

Kloker: Überall dort, wo es eine große Transparenz gibt und diese gepflegt wird. Eine hohe moralische Autorität und damit eine hohe Glaubwürdigkeit hat für mich unser Bundespräsident.

Richter: Niemand ist immer glaubwürdig, aber es ist ein Ziel, dem man folgen sollte. Jesus hat seine Glaubwürdigkeit mit dem Leben bezahlt. Besondere Spuren von Glaubwürdigkeit finde ich bei Menschen wie Dietrich Bonhoeffer oder auch Oskar Schindler, aber auch bei Margot Käßmann, als sie öffentlich ihren Fehler eingestanden hat und bei Vielen im Alltag, die das Herz auf dem rechten Fleck haben.

Auch die Kirchen leiden unter einem immer größer werdenden Vertrauensverlust und enttäuschter Glaubwürdigkeit. Wie kann man dieses Vertrauen wiederaufbauen?

Richter: Zunächst will ich sagen: Bei Missbrauchsfällen hat sich die Kirche auf die Seite der Opfer zu stellen und Prävention sowie ehrliche Aufklärung entschieden voranzubringen. Gerade bei Amtsträgerinnen- und Amtsträgern sollte Denken, Reden und Handeln übereinstimmen. Eigentlich bei allen Christen. Wir dürfen aber nicht vergessen, dass auch in der Kirche nur Menschen sind, die auch Fehler begehen. Zu Versagen und Schuld zu stehen, gehört zur Glaubwürdigkeit. Dann kann Neues entstehen. Gut, wenn unsere Kinder und Enkel das von uns lernen können. Das ist nicht einfach. Jesus sagte: Ich bin gekommen die Sünder zu rufen und nicht die Gerechten.

 

Kloker: Durch eine große Transparenz in unseren Strukturen können wir wieder mehr Glaubwürdigkeit gewinnen. Wir müssen überlegen, was am System geändert werden muss, damit Missbrauch oder Veruntreuung von Geldern nicht mehr passieren können. Wir brauchen dringend eine neue Glaubwürdigkeit, denn Menschen dürfen einen hohen moralischen Anspruch an unsere Kirche stellen.

04.11.2021/Dekanat Ostalb/Sibylle Schwenk

Foto: Schwenk