Gedanken

Liebe sei Tat

Unser Leben schlägt ab und an merkwürdige Kurven – es geht bergauf und bergab, manchmal gabelt sich der Weg und man hat das Gefühl, sich im Kreis zu drehen oder gar rückwärts zu laufen. Läuft es nicht so, wie wir es uns wünschen, dann fällt häufig der Begriff des „Scheiterns“.Trauer, das Gefühl der Hilf- und Machtlosigkeit, aber auch Zorn überkommen uns. Doch wo wäre ich ohne meine Fehler und ohne mein Scheitern? Umwege und Fehler gehören zu unserem Leben. Entwicklungschancen ergeben sich gerade aus Situationen, die nicht so laufen wie geplant. Ohne Fehler wäre Lernen nicht möglich – ohne Fehler würden wir uns ständig nur um die eigene Achse drehen. Ohne unsere Misserfolge hätten wir Vieles nicht erlebt; viele wichtigen Entscheidungen nicht getroffen – Gottes Gnade nicht gespürt. Vinzenz von Paul ist durch sein Scheitern, seinen schmerzhaften Weg durch die Gefangenschaft zu dem geworden, was er war – ein Heiliger – ein Vorbild – ein Mutmacher und Segensspender – ein charismatischer Heiler. Er verweist auf Gott, Gottes unermessliche, nie endende Liebe und auf uns und unseren Nächsten. „Die Liebe ist unendlich erfinderisch!“ sichert er uns zu. Doch häufig passiert es uns, dass wir Gottes liebevolle Zusage aus den Augen verlieren. Unser Scheitern und unsere Misserfolge nehmen uns gefangen, machen uns zu Sklaven unserer eigenen Ansprüche. Alles Gelingende wird zur Normalität abgestempelt – im Focus bleibt das Versagen. Kinder sind hier noch schutzloser dem Teufelskreis der Selbstabwertung ausgesetzt.

Sie brauchen viel mehr als wir Erwachsene ein freundliches Spiegelbild.

„Gott will, dass wir einander mit liebevoller Hochachtung begegnen!“ sagt Vinzenz und meint damit auch und gerade die Situationen, in denen liebevolle Hochachtung nicht selbstverständlich ist. In jedem Scheitern steckt ein Neuanfang – in jedem Menschen verbergen sich unzählige Stärken und Chancen. Diese gilt es immer wieder neu in den Blick zu bekommen. Was kannst du? Was macht dir Freude? Wo findest du Schönes? Wo das Glück? Nur mit dem Blick auf unsere Stärken können wir uns weiterentwickeln. „…ohne aufrichtige Wertschätzung … kann man keine wirksame Hilfe leisten!“ sagt Vinzenz. Bei den Exerzitien in der Fastenzeit leitete uns das Wort: „Und Gott will, dass es uns gut geht!“ Aus Gottes unermesslicher Liebe heraus wird es uns geschenkt, „Ja!“ zu uns selbst und „Ja!“ zu unserem Nächsten zu sagen.

„Die Liebe ist unendlich erfinderisch!“

Andrea Schott
Direktorin St. Josef, Schwäb. Gmünd

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Lust auf Leben

Von der Sehnsucht nach Frühling ist allenthalben die Rede. Frühlingsgedichte, Musik zum Frühling, sogar mit Frühlingsgefühlen zum Anziehen wird geworben. Was verbinden wir damit? Aufbruch in eine neue Zeit, neues Wachstum und Blüte, erfrischendes Grün, Sonne und Wärme, die uns guttun, Körper und Seele erfreuen und zu neuem Leben erwecken. Wir fühlen uns beschwingt und haben Lust zu leben. Frühling in der Kirche? Wie steht es damit? Die evangelische Kirche möchte im Lutherjahr mit vielen Aktionen auf Kirche aufmerksam machen. In der Diözese Rottenburg-Stuttgart setzt die katholische Kirche unter dem Stichwort „Wandlung“ neue Akzente. Kirche soll an vielen Orten neu erlebbar werden. Espresso-church, metalchurch, Kletterkirche, church goes pub – neue Initiativen und Gemeinden. Machen Ihnen diese Titel Lust auf Kirche? Welche Vorstellungen von Kirche, welche Erwartungen haben Sie? Was würden Sie sich wünschen? Wofür würden Sie sich engagieren? Oder haben Sie Kirche für sich bereits abgeschrieben? Keine Erwartungen mehr? Papst Franziskus sprach beim Weltjugendtag in Krakau über die Lähmung. Sie lässt uns die Lust verlieren, uns über die Begegnung und die Freundschaft zu freuen, die Lust, gemeinsam zu träumen, unseren Weg mit den anderen zu gehen. Er warnt davor, das Glück mit dem Sofa zu verwechseln und ruft dazu auf, das Sofa gegen ein Paar Schuhe auszutauschen, um Wege zu gehen, die man sich nie erträumt hast, Wege, die neue Horizonte eröffnen. Jesus ist der Herr des Risikos, des immer „darüber hinaus“, sagt Franziskus. Haben Sie vielleicht Lust bekommen? Lust auf Leben, inspiriert vom Evangelium, Lust aufzubrechen und loszugehen?

Elisabeth Beyer
Pastoralreferentin

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Schwarzer Fels

Black Rock – schwarzer Fels. Kein Naturphänomen ist damit gemeint, kein realer Felsen. Hinter dem Titel verbirgt sich ein kolossales Finanzimperium, das fast fünf Billionen Dollar an Vermögen verwaltet. Die unvorstellbare Summe ist mehr als das, was die Industrienation Deutschland, was 40 Millionen Mitarbeiter in deutschen Firmen in einem kompletten Jahr an Produkten und Dienstleistungen erwirtschaften. Egal wo man hinschaut: Larry Fink, der Eigner von Black Rock, hat seine Finger in nahezu allen Firmen im Spiel. Er diktiert das Spiel. Kann das sein? Ja, das kann sein. Mit Gemeinwohl hat das nichts zu tun, mit Ethik gleich gar nicht. Gerechte Verteilung der Güter, sozialer Ausgleich, Nachhaltigkeit, die Prinzipien der christlichen Soziallehre – Fehlanzeige. In Zeiten des beginnenden Wahlkampfes heißt es die wichtigen Fragen zu stellen. Was gedenkt die Politik zu tun für ein gerechtes Miteinander, für ein gerechtes Steuersystem, gegen die abzusehende Verarmung von künftigen Rentnern. Wie wird sie mit den üppigen Steueroasen umgehen und wie wird sie die Macht von Giganten wie Blackrock zähmen? Oder kümmert sie sich lieber um brisante Details wie die europaweite Vereinheitlichung der Ohrenmarken für Schafe?

Betriebsseelsorger Dr. Rolf Siedler
Kath. Betriebsseelsorge Ostwürttemberg

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Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?

Es war fast so berühmt wie die Neverland Ranch von Michael Jackson oder Elvis Presleys Graceland in Memphis: das „House of Cash“, die berühmte Villa von Country-Legende Johnny Cash, idyllisch am Old Hickory Lake gelegen, in einem Dorf namens Hendersonville, unweit von Nashville im südlichen US-Bundesstaat Tennessee.
Dort entstand das von Rick Rubin produzierte letzte Studioalbum von Johnny Cash, das posthum am 23. Februar 2010 unter dem Titel „American VI: Ain’t No Grave“ veröffentlicht wurde.
Alle Songs wurden zwischen dem Tod seiner Frau June im Mai bis zu Cashs Tod im September 2003 aufgenommen, als er 71-jährig schwer krank und bereits fast blind war und im Rollstuhl saß.
Auf dem Album befindet sich neben zahlreichen Coversongs berühmter Musikerkollegen auch die bis dato unveröffentlichte Eigenkomposition Cashs „I Corinthians 15:55“.
Johnny Cash singt darin einen Vers aus der Bibel. Oh Death, where is thy sting? Oh Grave, where is thy victory?
„Tod, wo ist dein Sieg? Tod, wo ist dein Stachel?“ fragt der Apostel Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther, den Cash hier zitiert.
Tod, wo ist dein Stachel? Grab, wo ist dein Sieg? Leben, du bist ein leuchtender Pfad. Und die Hoffnung sprießt ewig, über den Horizont hinaus, wenn ich sehe, dass mein Erlöser mich zu sich winkt.
Johnny Cash hat sein Lied im Walzertakt gesungen. Im langsamen Walzer tanzt der Sänger mit Leben und Tod. Cash singt mit brüchiger Stimme von seinem Glauben, dass der Tod nicht das Letzte ist, was ihn erwartet.
Manchmal findet man in Todesanzeigen folgende Angaben: Neben dem Geburtstag des Toten steht „geboren, um zu sterben“ und neben dem Todestag „gestorben, um zu leben“. Hier wird auf den Punkt gebracht, was wir Christen bekennen: Jeder Mensch muss sterben, der Tod steht ohne Ausnahme am Ende jeden Lebens. Alles Irdische ist vergänglich. Übrigens auch das „House of Cash“, das 2007 vollständig niedergebrannt ist.
Die Hoffnung sprießt ewig, über den Horizont hinaus, wenn ich sehe, dass mein Erlöser mich zu sich winkt.
Ich wünsche uns allen dieselbe Zuversicht, die Johnny Cash kurz vor seinem Tod getragen hat.

In diesem Sinne uns allen eine frohe und gesegnete Osterzeit!

Katholische Klinikseelsorge
Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd
Pastoralreferent Benedikt Maier

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Gott ist ein Freund des Lebens

Die Gläubigen werden in den Osterliedern bekennen, dass Christus auferstanden ist und lebt. Sie singen von ihrer Hoffnung, dass der auferstandene Christus auch uns Menschen erwecken kann und „zum ewig neuen Leben ruft“. So in „Christus ist erstanden…“, komponiert in stahlender A-Dur. Dieses Lied fasst die Kernbotschaft von Ostern zusammen.
Beim Abstieg vom Berg der Verklärung fragten einst die Jünger einander, was das sei: „von den Toten auferstehen.“ (Mk 9,10)
In ähnlicher Weise können wir heute fragen: Was ist eigentlich bei der Auferstehung Jesu, deren Ereignis niemand beobachtet hat, geschehen? Die Antwort lautet: Der Tod wurde überwunden.
Wie aber soll man sich das vorstellen, wenn man überall nur das Sein zum Tode wahrnimmt?
Hier kann man vorweg die Frage stellen: Welche Wahrscheinlichkeit hatte die Entstehung unseres blauen Planeten und die Entstehung des Lebens oder gar des menschlichen Lebens im Laufe der Weltgeschichte? Eins zu einer Billion? Eins zu einer Billiarde? Eins zu einer Trillion? Oder noch größer? Der Glaube sieht bei der Entstehung des Lebens den Schöpfergeist am Werke, so dass das schier Unmögliche möglich geworden ist. Und sollte man es Gott als „Freund des Lebens“ (Weish 11,26) nicht zutrauen können, dass er dieses Leben erhält und umgestaltet?
Die Auferstehung Jesu „ist ein Durchbruch in der Geschichte der Evolution und des Lebens überhaupt zu einem neuen künftigen Leben.“ (Papst Benedikt)
Das Bild vom Schmetterling hatten die frühen Christen auf ihre Grabplatten und Sarkophage geritzt und gemeißelt als Hoffnungsbild für ein Leben nach dem Tod.
Bei der Auferstehung Jesu ist jenes ewige, glückselige Leben schon Wirklichkeit geworden. Es ist auch uns Menschen verheißen. Mit Recht wünschen wir uns „frohe Ostern“.

Pfarrer
Hermann Knoblauch

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Reli fällt aus!

„Ist der Mathematiklehrer krank, stehen zwei Tage später die Eltern im Rektorat und fragen besorgt nach Vertretung. Fällt der Religionsunterricht aus, kümmert sie das nicht“ sagt mir ein Schulleiter und zuckt mit den Schultern. „So ist es nun mal. Es zählt, was einen Zweck hat: das Gewicht der Noten in den Hauptfächern, die berufliche Verwendbarkeit eines Faches…“ Religion, nein, das gehört nicht dazu.“

Natürlich nicht. Auch wenn die Zeiten vorbei sein sollten, in denen in Klassenarbeiten Katechismuswissen abgefragt wurde. Das Fach Religion ist im Bildungsplan gut in den allgemeinen Fächerkanon eingegliedert. Leitperspektiven wie „Bildung für Toleranz und Vielfalt“ oder „für nachhaltige Entwicklung“ gelten auch hier. Auf der Grundlage des Zweiten Vatikanischen Konzils ist es erklärtes Ziel des katholischen Religionsunterrichts, zur Identitätsfindung der Jugendlichen beizutragen, auch der ungetauften oder kirchenfernen, die aus Interesse teilnehmen mögen. Hier ist ein Ort für ihre Fragen nach dem Leben und dem Sterben, nach Gott und der Welt. Wer bin ich? Wohin geht meine Lebensreise? Was ist mir so richtig wichtig? Dabei müssen sie nicht glauben, sondern sie machen sich auf unterschiedliche Weise damit vertraut, was Glauben sein, wie er gelebt werden kann. Sie erwerben Wissen über die Wurzeln unserer christlichen Tradition, unabdingbare Voraussetzung, um die eigene Gegenwart tiefer zu verstehen und zu persönlichen Weichenstellungen für die Zukunft zu gelangen. Sie begegnen unterschiedlichsten Formen von Religion, nicht nur der christlichen, und sie erfahren, was anderen Menschen heilig ist. So erwerben sie – im positiven Fall – neben Respekt auch Dialog- und Urteilsfähigkeit. Denn anders als in Diskussion und Gespräch sind Glaubensdinge gar nicht „verhandelbar“. Die Religionslehrerin bzw. der Religionslehrer als Vertreter seiner Kirche ist hier ein greifbares Gegenüber, das man fragen, mit dem man reden und sich auseinandersetzen kann. Eine Definition von Gott wird man auch von dieser Person nicht erwarten dürfen – Gott bewahre! – aber Anregungen zum Nachdenken über das, was Glauben ausmacht, auf der Basis von Vertrauen und Vernunft. Wir sind gemeinsam auf dem Weg, mitten in unserer globalisierten, multikulturell geprägten Gegenwart. Es geht um das, was uns alle angeht! Freilich bleibt die Welt im tiefsten ein Rätsel. Über sie zu staunen und dabei unsere Begrenztheit anzuerkennen, gehört dazu. „Das Schönste, was wir erleben können, ist das Geheimnisvolle“, sagt Albert Einstein. Und sieht darin den Ursprung der Religion.

Sigrid Sonneck
Katholische Schuldekanin für Gymnasien

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Aufstehen

Wenn die Menschen sich beim Schlussapplaus eines Konzertes von ihren Sitzen erheben, hat dieses Aufstehen etwas mit Freude, Begeisterung aber auch mit Ehrerbietung zu tun.
Das Aufstehen im Sonntagsgottesdienst zum Gebet oder zum Hören der Frohbotschaft – tun wir es aus Begeisterung, weil uns das Geschehen nicht mehr auf den Sitzen hält?

„Aufstehn“ ist der Titel eines fast 40 Jahre alten Songs der Gruppe bots, der zur Hymne der Friedensbewegung wurde. Immer noch aktuell hört es sich an, wenn die Gruppe singt:

„ Alle, die nicht schweigen, auch wenn sich Knüppel zeigen, sollen aufstehn.
Alle, die zu ihrer Freiheit auch die Freiheit ihres Nachbarn brauchen, sollen aufstehn,

Alle für die Nehmen schön wie Geben ist und Geld verdienen nicht das ganze Leben ist, sollen aufstehn …“

Wir leben in einer Zeit, in der alte Gewissheiten zu schwinden drohen, in der wir manchmal vor lauter Informationsüberflutung und offensichtlichen Lügen lieber still auf unserem (bequemen) Sessel sitzen bleiben.

Nein, es ist eine Zeit des Aufstehens, wenn Ausgrenzung, Menschenhass und Verleumdung um sich greifen.
Aufstehen aus Achtung vor der gottgegebenen Menschenwürde jedes Menschen.
Aufstehen als Zeichen der Überzeugung, dass nur ein fairer, der Gerechtigkeit verpflichteter Umgang mit Kapital und Ressourcen unserer Welt (über)leben lässt.
Aufstehen, indem Sie Leserbriefe schreiben, wenn Berichterstattung unausgewogen und einseitig erscheint.
Aufstehen für gleiche Entlohnung von Frauen und Männern.
Aufstehen für ein Miteinander in der Europäischen Union.
Aufstehen aus Freude und Begeisterung für die kreativen, schöpferischen Kräfte, die uns Menschen gegeben sind.

Ich wünsche uns allen einen guten „Aufstand“.

Wilfred Nann,  Leiter Katholische Erwachsenenbildung Ostalbkreis

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Heimweh

Heimweh ist ein schlimmes Gefühl, das ich als Kind intensiv erlebt habe, wenn ich die Sommerferien bei Freunden meiner Eltern in Frankreich verbrachte. Ich hatte Sehnsucht nach zuhause, meinen Eltern und meinen Freundinnen. Dabei war es ja nur ein begrenzter Zeitraum und ich wurde dort, wo ich war, freundlich aufgenommen – es mangelte an nichts. Erst als eine Französin meine beste Freundin war, wurde Frankreich zu meiner zweiten Heimat.

Wie schlimm muss es dann erst Menschen und besonders Kindern gehen, die ihre Heimat verlassen mussten, oft unfreiwillig, um hier bei uns in einem völlig fremden Land zu leben. Alles ist neu und anders: die Sprache, die Kultur, die Stadt, die Wohnung, die Schule..

„An den Strömen von Babel, da saßen wir und weinten, wenn wir an Zion dachten. Wir hängten unsere Harfen an die Weiden in jenem Land.“ So wird das Heimweh der Israeliten nach dem gelobten Land in Psalm 137 bildhaft beschrieben.

Was trägt dazu bei, dass Menschen nicht im Heimweh verharren, sondern beginnen, neue Wurzeln zu schlagen?

„Heimat ist, wo die beste Freundin ist“ steht auf einem der Plakate zu Caritas Kampagne 2017 (www.Zusammen-Heimat.de). Wir sehen zwei Schulmädchen, die sich an der Hand halten und ernst schauen, als wollten sie sagen: wir halten zusammen und gehen gemeinsam durch dick und dünn. Eine davon könnte aus einem fremden Land kommen. Was geht wohl in ihrem Herzen vor, wovon träumt sie, worauf hofft sie…

Ich nehme mir vor in dieser Fastenzeit offen und sensibel zu sein für Menschen aus anderen Ländern und Kulturen und möchte hören, was die Stimme ihres Herzens sagt – ist es Heimweh oder entsteht ganz langsam ein Gefühl von Heimat und Geborgenheit?

Natalie Pfeffer
Caritas Ost-Württemberg

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Auf Augenhöhe

Zwei Menschen blicken sich an, sind miteinander verbunden, überbrücken die Grenze, die zwischen ihnen liegt. Dieses eindrückliche Motiv auf dem neuen Misereor-Hungertuch schmückt in der Fastenzeit wieder viele unserer Kirchen und ruft uns auf seine Weise, unser Leben und unsere Lebensweise neu zu gestalten. Der nigerianische Künstler Chidi Kwubiri hat es in diesem Jahr entworfen, inspiriert von dem afrikanischen Sprichwort „Ich bin, weil du bist“.

Zwei Menschen auf Augenhöhe. Eine Begegnung, die von Respekt und Neugier getragen ist – das kommt nicht so oft vor! Viel mehr erscheint es mir, dass immer öfter das Gegenteil der Fall ist. Öffentliche Beschimpfungen, die sich nicht nur auf die Anonymität des Internets beschränken, sind alltäglich geworden. Unflätigkeiten und Beleidigungen nehmen mittlerweile auch Staatschefs und Politiker in den Mund. Und dort, wo Bürger für oder gegen eine Sache auf die Straße gehen, sind zunehmend Beschimpfungen übelster Sorte gegenüber Verantwortungsträgern und Andersdenkenden zu hören. Solche Menschenverachtung lässt mich mit einiger Ratlosigkeit und Unbehagen zurück.

Das neue Misereor-Hungertuch ruft in dieser Situation zum Dialog auf. Keine einfache Sache – vor allem, wenn der Tonfall schon scharf und verletzend ist. Dialog braucht eine positive Grundhaltung: Dass sich etwas verändern kann – bei meinem Gegenüber oder aber auch bei mir. Dialog kostet Kraft und Mühe: Sich-Verständlich-Machen und Verstehen- Können sind selten einfach. Dialog setzt etwas voraus, das für Christen selbstverständlich sein müsste und doch bisweilen eine riesige Herausforderung ist: Dass ich im Anderen nicht den Gegner oder, noch schlimmer, eine Art „Hindernis“ sehe, sondern den Menschen. Den Menschen, der mir Bruder oder Schwester ist – egal wie weit unsere Position und unsere Lebenswelt auseinanderliegen. Den Menschen, der mir wie alle Mitgeschöpfe von Gott anvertraut ist und mit dem ich verbunden bin.

Wir Christen sind Teil dieser Gesellschaft und der in ihr stattfindenden Veränderungen. Gerade christliche Lebenshaltung und Lebenspraxis muss es sein, den Dialog zu suchen und zu versuchen. Wo immer es geht! Und auch dort, wo es schwierig ist, auf Augenhöhe!

 

Daniela Kriegisch

Pastoralreferentin in den katholischen Kirchengemeinden der Seelsorgeeinheit Rosenstein

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Mein gutes Recht

„Das steht mir zu, darauf habe ich Anspruch, das ist mein gutes Recht“ – so denken wir, dementsprechend handeln wir. Es gibt dabei allerdings die Gefahr, kleinlich zu werden, unangenehm berechnend anstatt weitherzig und großzügig. Nicht nur materiell, sondern vor allem in unseren Beziehungen geht viel verloren, wenn wir zu sehr gegenseitig aufrechnen.

Jesus bietet im Evangelium (Mt 5,38-48) eine andere Haltung an. Einer, dem etwas weggenommen wird – der Mantel – soll auch noch bereitwillig das Hemd hergeben?  „Liebt Eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“.  Da regt sich verständlicherweise Widerspruch: bin ich dann nicht der Dumme? Komme ich da nicht zu kurz? Bekommen dann nicht die Recht, die auf Kosten der anderen leben? Ist das nicht ein Freibrief, das Recht des Stärkeren schamlos auszunutzen?

Feindesliebe hat bei Jesus allerdings nie bedeutet, dass er die unguten Verhältnisse ohne Widerspruch hingenommen hat, im Gegenteil: Immer wieder kritisiert er die Mechanismen der Ungerechtigkeit und der Unterdrückung.

Seine Botschaft vom werdenden Reich Gottes sagt, dass es grundlegende strukturelle Veränderungen braucht, damit wir fähig werden, in geschwisterliche Liebe, einem Wohlwollen gegenüber allen Menschen leben zu können.

Und da ist seine Perspektive wertvoll, die über unsere Logik des „wie du mir, so ich dir“ hinausreicht.

Das wäre einen Versuch wert. Jesus lädt mich ein, auszubrechen aus dem Teufelskreis der Vergeltung und des Aufrechnens. Er zeigt mir Gott als den Vater, der alle Menschen liebt, der uns zu seinen Töchtern und Söhnen macht und zu Geschwistern untereinander. Der im Bild gesprochen es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte, der die Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute.

Andreas Macho, Pfarrer

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„Das Wort, das dir hilft…

kannst du dir nicht selber sagen.“ So heißt ein afrikanisches Sprichwort, das zur Liturgie dieses Wochenendes in den katholischen Gemeinden passt.

Es hat zwei Aspekte. Zum einen gibt es Worte, die heilsam für uns sind. Zum anderen brauchen wir andere, die uns diese Worte schenken. Voraussetzung ist aber, dass wir uns aufmachen und eine/n finden müssen, von dem wir uns solche Worte erhoffen können. Dabei müssen wir offen und aufmerksam sein und manchmal ganz ausdrücklich darum bitten. Wer es an diesem Wochenende zulässt, für den kann Gott dieser Eine sein.

Im Blasius-Segen treten wir Katholiken gerade dafür nach vorne – Gott entgegen – und wünschen uns solch ein heilbringendes Wort: von ihm. Dazu halten wir Gott den Hals hin und sagen damit: „Schau her. Hier bin ich segensbedürftig – hierfür wünsche ich mir ein heilbringendes Wort und ein heilsames Zeichen. Der Hals steht dabei symbolisch für viele wichtige Aspekte unseres Lebens: für den Ort, an dem wir unser Blickfeld verändern können, für unser Sprechen, für das was in uns hineinkommt, für unser Schlucken ebenso wie für das, was uns im Hals steckt, für unseren Atem, für unseren Blick nach oben, für unsere verletzlichste Stelle. Darüber hinaus lassen wir uns dabei gerade hier vom Licht Christi – von den Kerzen in Kreuzform – fast berühren, anrühren, erhellen. Das schon ermöglicht dem, der es mit ganzem Herzen durchlebt eine neue Sicht, ein anderes Vorzeichen, eine neue Nähe – also Veränderung.

Das ist kein magischer Vorgang – und die Vorstellung, wir bekämen danach nie mehr Halsschmerzen, greift viel zu kurz. Es ist ein aktiver Vorgang von beiden Seiten: Wir öffnen uns, zeigen unsere Bedürftigkeit und lassen seine Nähe, sein Licht und sein Wort in uns einströmen – diese (Er-) Füllung ist ein Segen und bewirkt Heilung.

Angelika Keßler (Dipl. Rel.Päd./Gemeindereferentin)

Dozentin/Bereichsleitung – Aalen und Ellwangen

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Franz von Assisi – Friedensstifter

„Ein Tänzer, ein Sänger, ein Gaukler, ein Narr, ein Jongleur de Dieu, einer der nicht zu verstehen ist für Außenstehende, einer der zum Ärgernis für anständige Bürger wird, einer der für normale Christen ein Rätsel ist. Franziskus ein Außenseiter!“

So beschrieben die Franziskanerinnen der ewigen Anbetung aus Schwäbisch Gmünd den Heiligen. Wer ihn verstehen will, der muss sich mit seinem Leben beschäftigen.

Im Mittelpunkt des Lebens von Franziskus (1181/82 – 1226) stand die Christusnachfolge, der Gehorsam gegenüber der Kirche, die Achtung der Schöpfung, die Armut, die Nächstenliebe und sein Einsatz für den Frieden.

Die bedingungslose Christusnachfolge war für ihn und seine Brüder ein wichtiges Anliegen, dem sie alles unterordneten. Sie wollten keinen Besitz und deshalb in Armut leben, damit sie frei sind, weil das Nichthaben frei macht und man dadurch doch alles besitzt. Selbst die Laubhütten, die die Brüder während seiner Reisen aufbauten, wurden von ihm wieder abgerissen. Seine Identifikation mit Christus war so stark, dass er zwei Jahre vor seinem Tod auf dem Berg La Verna in der Toskana die Wundmale Jesu empfangen hat.

Der Gehorsam gegenüber der Kirche und den Priestern stand für ihn außer Frage. Jedoch sprach er auch vor Papst und Kardinälen über die Laster der Kirche. Beim 500-jährigen Reformationsjubiläum 2017 spricht man über den Missbrauch des Ablasshandels im Mittelalter, der den Anstoß zur Reformation gegeben hat. Es war Franz von Assisi, der Papst Honorius III. im Jahr 1216 davon überzeugte, einen vollständigen Ablass der Portiunkula-Kapelle bei Assisi zu geben und zwar aufgrund der Barmherzigkeit Gottes und nicht aus finanziellen Gründen.

Ein großes Anliegen war ihm auch das friedliche Miteinander, ob dies nun der Umgang mit Räubern war, die ihn überfallen haben oder ein Streit in seiner Stadt. Immer versuchte er einen Ausgleich unter den Parteien zu finden auf Basis der Kraft des positiven Denkens. Selbst zur Zeit der Kreuzzüge ist er unerschrocken und gottesfürchtig ins Lager des Sultans von Ägypten, Melek-el Kamil, gegangen, um ihm Frieden zu wünschen. Denn alle Menschen waren für ihn Schwestern und Brüder. Von dieser Aufrichtigkeit war der Sultan so beeindruckt, dass er ihm freies Geleit zu den heiligen Stätten gewährte. Es war kein Zufall, dass Papst Johannes Paul II. im Jahr 1986 alle Religionsführer zum Weltgebetstreffen nach Assisi eingeladen hat. Der typische franziskanische Gruß lautet auch heute noch, „pace e bene“, Friede und Heil / alles Gute.

Manche sagen, dass Franziskus der erste Grüne war. Dies ist sicherlich übertrieben. Für ihn war aber der wertschätzende Umgang mit der Schöpfung insofern wichtig, als er dadurch den Schöpfer ehren konnte. Die berühmte Vogelpredigt, von Giotto eindrucksvoll in San Francesco (Assisi) dargestellt, war Teil der Brüderlichkeit und Schwesterlichkeit mit der gesamten Schöpfung, weshalb er von Schwester Sonne, Bruder Mond und Schwester Wasser im Sonnengesang spricht. Welche Achtung er vor der Schöpfung hatte, zeigt sein behutsames Gehen auf einem Felsen. Er tat dies „mit großer Vorsicht und Ehrfurcht aus Liebe zu dem, der ›Fels‹ genannt wurde.“

In diesem Sinne, pace e bene.

Ihnen allen ein friedvolles Wochenende in dieser beunruhigenden Zeit.

Hans-Dieter Beller. St. Loreto, Geschäfts- und Institutsleitung

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Es schockiert mich sehr, dass von Politikern in Deutschland und auf der Weltbühne in den letzten Monaten immer wieder völkisch rechtsradikale, antisemitische, rassistische und die Gesellschaft spaltende Gedanken geäußert wurden. Spaltung und Ausgrenzung von gesellschaftliche Gruppen, Nationen, Kulturen und Religionen scheint hier zum Programm gemacht zu werden.

Wer in der Bibel das, was Jesus tat, näher betrachtet, sieht, dass Jesus ein ganz anderes Verhalten und eine Haltung übt. Er verbindet gesellschaftliche Gruppen, die getrennt sind, er stellt Randgruppen und Minderheiten in die Mitte und gibt ihnen Wertschätzung, er nimmt fremde Religionsvertreter wie den Samariter im Gleichnis, um enges Denken aufzubrechen. Damit spaltet er nicht, sondern integriert, damit verbindet er fremde Gruppen miteinander und schenkt Ansehen und Wertschätzung. Damit trägt er wesentlich zum sozialen Frieden bei.

Jesus segnet Menschen, er verflucht sie nicht. Das Wort „Segnen“ heißt im Lateinischen „Bene-dicere“, und d.h. wörtlich „Gutes zusprechen“. Wer segnet, spricht aufbauende und nicht zerstörende Worte, wer segnet macht Menschen stark, schenkt ihnen ein Selbstwertgefühl und lehrt sie den aufrechten Gang.

Wir Menschen und unsere Gesellschaft leben vom Vertrauen, von aufbauenden Worten, von den guten Wünschen, wie sie etwa in der Bibel stehen: „Fürchte dich nicht, ich bin bei dir.“ „Hab keine Angst, ich habe dich beim Namen gerufen, ich meine dich.“

Ich lade Sie zu Beginn des noch neuen Jahres ein, im Jahr 2017 solche Worte zu sprechen und damit andere zu segnen, andere zu integrieren und ihnen Wertschätzung zu geben. Das ist die stärkste Kraft im Widerstand gegen Menschen verachtende und spaltende Gedanken.

Pius Angstenberger
Dekan

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Das Puzzle

In diesen Tagen fragt sich eine weithin verunsicherte Gesellschaft, was das neue Jahr wohl bringen mag. Um in dieser Orientierungslosigkeit einen Weg zu finden, müssen wir eine Grundsatzentscheidung
treffen. Ist das Leben nur Zufall, besteht es nur aus Bausteinen, die uns einfach „zugefallen“ sind, oder ist das Leben doch ein Geschenk, etwas Kostbares, von Gott anvertraut? Ich glaube nur die zweite Sicht
eröffnet uns den Weg zu einem guten Miteinander, in dem Werte nicht einfach ein Lotteriespiel sind oder den Umfragen entsprechend täglich wechseln. Aber was macht diese Sicht glaubwürdig? Wer meint, alles sei Zufall, der muss doch auch aus den Bausteinen des Daseins etwas formen, das Sinn ergibt, sonst kann er nicht leben – ob ihm das bewusst ist oder nicht. Auch der Glaubende muss aus den Bausteinen des Lebens etwas formen, aber was ich ordne, muss doch auch irgendwie schon offen sein für Ordnung. Wenn mein Puzzle ein sinnvolles Bild ergeben soll, müssen die Teile zueinander passen, aufeinander abgestimmt sein. Wenn alles – im wahrhaft wörtlichen, nicht im alltäglichen Sinne – ein heilloses Durcheinander ist, lässt sich kein Sinn daraus formen. Wenn das Leben Gottes Geschenk ist, wenn er Sinn hineingelegt hat, dann lässt sich auch Sinnvolles damit anfangen, alles andere wäre Selbstbetrug. Und dieses Geschenk des Daseins ist keinem allein gegeben: Der Mensch ist gerufen zur Solidarität in Verschiedenheit. Weder geht es darum, dass alle Menschen irgendwie gleich sein sollten – außer nach Würde und Rechten -, noch dass Menschen abgehängt werden. Menschen sind verschieden, das ist eine Tatsache, aber das bedeutet, dass wir gerufen sind, uns in dieser Verschiedenheit   m i t   u n s e r e n
u n t e r s c h i e d l i c h e n   Möglichkeiten und Kräften zu ergänzen.
Die Bibel sagt, wir sind Gottes Ebenbilder. Vielleicht könnte man sagen, dass wir in unserer Verschiedenheit ein Bild des unbegreiflichen Gottes, der unbegreiflichen göttlichen Fülle sind, eine Verschiedenheit,  d i e   i m   d r e i f a l t i g e n   G o t t   d o c h   zusammengehört, miteinander lebt und
s i c h   u n t e r s t ü t z t .   S o l i d a r i t ä t   i n  Verschiedenheit, das Dasein als Gottes Geschenk – wo wir uns von diesen Einsichten leiten lassen, finden wir unseren Weg.

Martin Keßler
Dekanatsreferent

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Um Gottes willen!

Keine Vorsätze mehr für das neue Jahr. Keine Pläne und ausgefeilte Strategien. Ohne Wenn und Aber.
Dafür wache Augen. Dafür ein weites Herz und den Mut einfach anzufangen. Bedenkenlos und begeistert. Um Gottes willen.

Ich stieß neulich auf die Geschichte zweier sehr junger Mädchen aus Bali. Melati und Isabel hatten mit zehn und zwölf Jahren begonnen, sich gegen die Plastikflut in ihrer Heimat zu engagieren. Einfach eine Idee, ein Wunsch, keine großen Pläne, keine Bedenken. Dafür Mut und viele Gespräche.
Inzwischen, nach drei Jahren, ist das Projekt international geworden. Bali soll ab 2018 plastiktütenfrei sein, d.h. sie werden dann z.B. am Flughafen gefragt, ob sie Plastiktüten anzumelden haben. (mehr unter http://www.byebyeplasticbags.org)

Toll, die machen es einfach. Die haben sich nicht von den Bedenken und Wahrscheinlichkeiten aufhalten lassen. Vielleicht ist es der Bonus der Jugend, einfach und unbedarft etwas zu anzupacken. Sicherlich ist es auch der Glaube etwas bewegen zu können, noch Zukunft zu haben.

Wissen sie, mich schreckt am meisten die Vorstellung einer alternden Gesellschaft, die für sich keine Zukunft mehr sieht. Die resigniert und jammert. Die weiß was man tun sollte und Vorsätze hat. Aber eben eine, die einfach nicht mehr anpackt, die diese wunderbare Eigenschaft verliert: Etwas sehen, eine Idee haben und einfach machen, einfach anpacken.

Bei Jesaja heißt es von Gott: „Siehe, ich mache ein Neues“. Das Unerwartete kommt. Es bahnt sich einen Weg. Gegen alle Bedenken. Gegen jeden Plan. Wider die Resignation. Einfach weil ein paar Menschen daran glaubten und mutig anpackten und sich einander zuwandten. Sie sich miteinander „um Gottes willen“ in der Gesellschaft engagierten. Darum ging und geht es bis heute weiter.

„Um Gottes willen“ ruft so mancher, wenn er etwas sieht, was nicht in Ordnung ist. „Um Gottes willen“ wäre für mich in diesem Jahr der Weckruf, einfach anzupacken und dafür die guten Vorsätze getrost fahren zu lassen.

Martin Keßler
Dekanatsreferent

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Friedenslicht

In diesem Jahr durfte ich zum ersten Mal in meinem Leben mit einer Gruppe nach Israel ins „Heilige Land“ fliegen, um Orte zu besuchen, an denen Jesus gewirkt hat.

Eine sehr eindrucksvolle Reise. Die mich aber auch sehr nachdenklich gestimmt hat, denn viele Bilder kannte ich nur aus dem Fernsehen. Jetzt die Realität zu sehen ist  etwas ganz anderes: Die Siedlungen, die mit Stacheldraht abgesichert sind. Die hohen Betonmauern, die Menschen voneinander trennen. Straßenkontrollen bei der Einfahrt nach Jerusalem oder Hebron. Soldaten, die an den Bushaltestellen stehen, das Maschinengewehr im Anschlag. Ein mulmiges Gefühl hat sich bei mir immer wieder breit gemacht. Ich bekam das Gefühl nicht los: dieses Land ist alles andere als friedlich.

In diesem kleinen Land, auf das die drei großen Religionen – Judentum, Christentum und Islam – Anspruch erheben, kommt es einerseits immer wieder zu Spannungen, andererseits gibt es auch andere Orte und Zeichen. Zum Beispiel die Geburtsgrotte in Betlehem. In diesem kleinen Raum unter der großen Kirche wird jedes Jahr an der Stelle, von der gesagt wird: hier sei Jesus geboren ein Licht entzündet. Das Friedenslicht von Betlehem. Dieses Licht geht in die ganze Welt. Von Kerze zu Kerze. So vervielfacht es sich tausendfach. Aber nicht nur das Licht wird weitergegeben, sondern auch die Hoffnung auf Frieden. Frieden für das Heilige Land und Frieden für die Welt. Diesen Frieden haben die Engel bei der Geburt Jesu verkündet. Am nächsten Sonntag wird das Friedenslicht an vielen Orten in Deutschland verteilt. Wenn wir unsere Kerze mit dem Friedenslicht entzünden wissen wir uns verbunden mit den vielen Menschen auf der Welt, die sich für den Frieden einsetzen.

Pater Jens Bartsch

Stellvertretender Dekan und Leiter der Landpastoral Schönenberg

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Keinen Tag soll es geben…

Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst, niemand ist da, der mir die Hände reicht. Keinen Tag soll es geben, da du sagen musst, niemand ist da, der mit mir Wege geht. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, der halte uns’ren Verstand wach und uns’re Hoffnung groß und stärke uns’re Liebe.
Vor gut 20 Jahren hat der evangelische Theologe, Pfarrer und Schriftsteller Uwe Seidel (1937-2007) diesen Liedtext verfasst, der mich schon seit vielen Jahren in meinem seelsorgerlichen Dienst begleitet. Seidel war einer der Initiatoren der ökumenisch ausgerichteten Beatmessen in der evangelischen Johanneskirche in Köln-Klettenberg, zu deren Gästen bekannte Persönlichkeiten wie der Kabarettist Hanns Dieter Hüsch, der Theologe Friedrich Karl Barth oder der Schauspieler Dietmar Schönherr zählten.
Die Melodie zu diesem großartigen Liedtext stammt aus der Feder von Thomas Quast, Komponist zahlreicher Neuer Geistlicher Lieder und seines Zeichens Musiker der Band „Ruhama“.
Ruhama ist ein Eigenname, der aus dem Hebräischen kommt. In der Bibel nennen etwa der Prophet Hosea und seine Frau Gomer ihr erstes Kind „Ruhama“. Ruhama bedeutet übersetzt: „Erbarmen finden“. Sinngemäß steht dieser Name für das liebende Erbarmen Gottes, mit dem er sich uns Menschen zuwendet.
Am 20. November endete das von Papst Franziskus ausgerufene Jahr der Barmherzigkeit. Dazu erschien zu Jahresbeginn sein Buch mit dem treffenden Titel „Der Name Gottes ist Barmherzigkeit“. Papst Franziskus hat darin die Kirche mit einem Feldlazarett verglichen. Er rief dazu auf, aus Kirchen und Pfarrhäusern hinauszugehen und die Menschen dort zu suchen, „wo sie leben, wo sie leiden, wo sie hoffen“. In einem Feldlazarett betreibe man Notfallmedizin statt ausgefeilter Untersuchungen.
Damit ist er ganz bei dem von Uwe Seidel und Ruhama verfassten Lied „Keinen Tag soll es geben“. Beide Male geht es ums Aufbrechen, sich auf den Weg machen, hinaus aus den Wohlfühlzonen von Kirchen und Pfarrhäusern.
Wir stehen mitten im Advent. Ankunft bedeutet dieses lateinische Wort. Wer ankommen will, muss zuerst losgehen, den Aufbruch wagen. Dem Mitmenschen in Not die Hand reichen. Ein Stück Wegstrecke mit ihm gehen. Mit wachem Verstand und getragen von einer Hoffnung, die sich aus einer geerdeten Gottes-, und Nächstenliebe speist.
In diesem Sinne wünsche ich uns allen weiterhin eine gesegnete Adventszeit.

Benedikt Maier
Klinikseelsorger Stauferklinikum Schwäbisch Gmünd

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St. Vinzenz-Kapelle im St. Loreto – Ein Ort der Begegnung

Es ist ein geschichtsträchtiger Ort zwischen Rems-Zeitung und St. Elisabeth, zwischen dem Hasen und dem Klösterle, das „Wildeck“:

1644 hat der Bischof von Augsburg Kapuzinermönche aus Salzburg zur seelsorgerlichen Betreuung der Wallfahrtsstätte St.Salvator berufen. 10 Jahre später wurde dann, nach langem Ringen mit den benachbarten Seelschwestern im Klösterle, das Kapuzinerkloster und die St. Antonius – Kapelle eingeweiht. Bis zur Säkularisation lebten dort die Mönche.

Lange Jahre war das „wilde Eck“ verwahrlost, bis die Vinzentinerinnen (Bocksgasse 22) das Grundstück erwarben und im Jahre 1862/63 die „Irrenanstalt St. Vinzenz“ in einem neuen und modernen Gebäude gründeten. 1899 zog die Haushaltungsschule St. Loreto aus der Bockgasse ins erweiterte Gebäude.

Als die heutige  Sanierung des Gebäudes von den Gesellschaftern beschlossen wurde, hat man den Bau einer neuen St. Vinzenz – Kapelle aufgegriffen. Der Leitspruch des heiligen Vinzenz von Paul, „Liebe sei Tat!“, passt hervorragend zur Ausbildung sozialer Berufe. Auch sein Ausspruch, „ Nichts vom anderen wollen, den anderen wollen!“, ist eine Grundlage für die Pflege und Erziehung.

Die neue St. Vinzenz – Kapelle wurde von Rudolf Kurz aus Ellwangen gestaltet. Sein  Kreuz hinter dem Altar ist das alttestamentarische, heute franziskanische Tau, das durch Christus zum Kreuz wird, da Christus, als Mittler zwischen Himmel und Erde, seine rechte Hand über den Querbalken hinausstreckt und uns die linke Hand reicht. Mit der St. Vinzenz-Kapelle will das Institut St. Loreto alle, die hier täglich vorbeilaufen, zum Verschnaufen bzw. die Seele baumeln lassen, einladen.

Bei der Sakristei kann man den Baum des Lebens und den Baum der Erkenntnis aus dem Paradies bewundern. Links, beim ewigen Licht, ist ein St. Vinzenz-Fenster. Am Kapelleneingang sieht man rechts den brennenden Dornbusch, in dem Gott auf dem Berg Horeb dem Abraham erschienen ist. Der Baum daneben ist das Sinnbild für die Söhne von Stammvater Abraham, auf den sich das Judentum, das Christentum und der Islam berufen.

Die Kapelle soll ein Ort der Gemeinschaft werden, auch und gerade der Ökumene.

In Ihrem neusten Buch, „Ökumene in Zeiten des Terrors“, einem Briefwechsel zwischen dem Jesuitenpater Klaus Mertes und Antje Vollmer, wird über ein Ereignis aus Stadelheim berichtet. Die Widerstandkämpfer, die evangelischen Geschwister Scholl und der katholische Christoph Probst wünschten sich ein gemeinsames Abendmahl vor der Hinrichtung. Dies wurde ihnen von den „ängstlichen Gefängnisgeistlichen“ verweigert. Schlimm! So etwas sollte uns Christen zum Nachdenken anregen.

Hans-Dieter Beller
St. Loreto, Geschäftsleitung, Institutsleitung

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Martin von Tours

Vor 1700 Jahren wurde er geboren. Die Mantelteilung in Amiens hat diesen Heiligen populär gemacht. Damals war er noch römischer Soldat und diente in der Garde. Diese Tat ist beispielgebend für alle Menschen und kennzeichnet vor allem das Christentum. Von Jesus stammt das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter. Der wiederkommende Christus sagt: „Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan“. (Mt 25,40)

Martin von Tours – ein Mann der teilte. Martin war aber auch ein Wahrheitssucher. Mit 18 Jahren wurde er getauft. Martin von Tours ging stets seinen Weg, unabhängig von dem, was man allgemein dachte und lebte. Diese Geradheit bewies er auch, als er später die Armee verließ, Einsiedler wurde und sich schützend für Priscillian einsetzte.

Martin gründete 361 das erste Kloster in  Liguge´ im heutigen Frankreich. Das Mönchtum gab es bisher nur im Osten und in Ägypten. Hier wurde der Anfang gemacht für das mönchische Leben in Europa, der Anfang für religiöse und kulturelle Zentren.

10 Jahre später wurde Martin Bischof von Tours. Die arme Kirche und eine Kirche für die Armen war sein Modell. So will es auch Papst Franziskus.
Es heißt, Martin habe auch Wunder gewirkt. Diese Gabe kam ihm besonders bei der Missionierung zugute.

Martin von Tours: Ein Heiliger der Nächstenliebe, ein Wahrheitssucher und Verehrer Gottes, ein Mann, der Verantwortung übernahm und sich für die Glaubensweitergabe einsetzte. Er starb auf einer Seelsorgereise am 08. November 397 in Candes in der Diözese Tours.

Pfarrer Hermann Knoblauch

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Einfach mal ja!

Einfach mal ja – wenn das nur so einfach wäre.
Wir leben heute in einer Welt, die uns unendlich viele Möglichkeiten bietet. Egal, ob wir beim Italiener vor einer umfangreichen Speisekarte sitzen oder im Supermarkt auf die drei Warteschlangen vor den Kassen zusteuern. Das Leben besteht jeden Moment aus Entscheidungen.

Gerade für Jugendliche wird es heutzutage immer schwieriger, sich auf etwas festzulegen. Ihr Problem dabei: Die Welt ist „flüssig“ – alles ist in Be-wegung. Es gibt unzählige Freizeitangebote, (Markt)Trends ändern sich ständig und auch die Auswahl an Studienangeboten wird immer größer. In diesem Fluss (Mainstream) gilt es oben auf der Welle zu surfen und nicht unterzugehen. Was heu-te noch „in“ ist, kann morgen schon wieder „out“ sein.

Ja oder Nein, oder Vielleicht oder Entweder oder … für Jugendliche ist Entscheiden keine attraktive Option mehr. Es ist besser, sich alle Eventualitäten offen zu halten. Oft heißt das dann: Jein sagen!
Zu beobachten ist das vor allem bei Einladungen: Verbindliche Zusagen gibt es nicht mehr.
In der aktuellen Sinus-Milieu-Studie von 2016 („Wie ticken Jugendliche“) wurde deutlich, dass Jugendliche trotzdem Sehnsucht nach etwas Festem haben, etwas, das ihnen Halt und Geborgenheit gibt. Etwas, was längerfristig anhält und nicht im Zeitalter von Klicks und Likes gleich wieder verschwindet, weil es am nächsten Tag schon wieder andere Neuigkeiten gibt.

Der Christkönigssonntag (und gleichzeitig der Ju-gendsonntag) in der katholischen Kirche am
20. November greift daher auch dieses Thema auf: „Einfach mal ja!“. Dabei soll das Augenmerk auf der Lebenssituation der Jugendlichen liegen – zu welchen Ufern sind sie unterwegs? Leben sie im Alltag und besonders in wichtigen Augenblicken mit oder ohne Gott? Bei Gott kann ich so sein wie ich bin – ohne Schminke, ohne nachträgliche Bildbearbeitung. Diese Sehnsucht, so sein zu können wie ich bin, kann heilende, beruhigende, ermutigende Wirkung haben. Auch wenn wir es nicht merken, Gott sagt stets JA zu uns. Er ist uns nah, er ist da – im Gebet, in der Stille aber auch in schwierigen Situationen. Und dafür können wir dankbar sein, denn er sagt stets zu uns „einfach mal JA!“.

Daniel Barth,
Dekanatsjugendreferent im Katholischen Jugendreferat Schwäbisch Gmünd

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Dem Verlorenen nachgehen!

Das Heilige Jahr der Barmherzigkeit geht bald zu Ende (20. November). Daher ist es gut, sich immer wieder vor Augen zu führen: Die Barmherzigkeit Gottes gilt dem Menschen von Anfang an und in alle Ewigkeit.
Die Bibel erzählt von Beginn an vom suchenden Gott.  In der Schöpfungsgarten ruft Gott den Menschen,
der sich versteckt hat: „Wo bist du?“ Auch den lebensmüden Elija unterm Ginsterstrauch lässt Gott nicht in Ruhe. „Jona, dem Prophet wider Willen, trägt er seinen Auftrag bis in den Fischbauch hinterher.“
In Jesus von Nazareth bekommt der suchende Gott ein Menschliches Antlitz: Der Menschensohn ist gekommen, „um zu suchen und zu retten, was verloren ist“(Lk 19,10).
Die drei Gleichnisse von Lukas 15, 1-31 wie das Evangelium über Zachäus (Lk 19,1-10) betonen, dass Gott dem Verlorenen nachgeht oder ihm entgegen läuft!
Da tritt Gott als Hirte auf, der seine große Herde zurücklässt, um ein einziges verirrtes Schaf zu suchen. – Er geht ihm suchend hinterher und freut sich „unbändig“, als es gefunden ist.
Oder als Frau, die von ihren zehn Drachmen eine verliert und sich unermüdlich auf die Suche macht. „Wie die Frau ihren Fund freudig mit ihren Freundinnen feiert, so feiert der Himmel den verlorenen Menschen, der sich von Gott finden ließ.“
Oder noch als barmherziger Vater, der dem verlorenen Sohn entgegen läuft, ihn wieder ganz in die Familie aufnimmt und sogar  ein Festmahl feiert!
Kein moralischer Zeigefinger wird hier erhoben, „sodass der Verlorene sich umkehren und Buße tun müsste“. Vielmehr wird gezeigt, dass der Verlorene nicht an der Frage vorbeikommt,  wo und ob er sich verloren hat. Er soll sich dann auf dem Weg zum Vater machen, wo er wahrhaft zuhause ist.
Jesus erzählt diese Gleichnisse den Pharisäer und Schriftgelehrten, die sich darüber empören, dass er mit den Sündern isst (Lk 15,2). Damit will er sein eigenes zu Tun deuten:  Gottes Barmherzigkeit
macht er dadurch hier auf Erden sichtbar und erfahrbar.
„Wenn irgendjemand von euch hundert Schafe hat…“, so spricht Jesus uns an. Somit gibt er jedem einzelnen von uns, aber auch jede Familie, unsere Gesellschaft und unsere Kirche einen Auftrag.
Dass sich Menschen verirren, schuldig werden, dass sie den Zugang zu anderen, Gott und Kirche verlieren: „das darf uns kein  schulterzuckendes selbst schuld entlocken.“ Es muss uns unruhig machen, in Bewegung setzen. Wie der Hirte, die Drachmenbesitzerin und der Vater sollen wir sie suchen, gründlich und unermüdlich. Erst wenn wir sie gefunden haben, kann unsere Freude vollkommen sein.
Dann gilt es, ein himmlisches Fest zu feiern. Was für ein schönes Bild für unsere Familien, Gesellschaft und Kirche!“ Mögen wir dem Beispiel Christi nachahmen, aber auch wir uns von ihm finden lassen!

Dr. Jean-Hilaire Nyimi Vita
Franziskusgemeinde Schwäbisch Gmünd

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Lebendige Steine 

Kaum ein Gebäude prägt das Erscheinungsbild unserer Orte so sehr, wie unsere Kirchen und ihre Kirchtürme. Dabei spielt es keine Rolle, ob es mächtige Baukörper sind oder kleine Kapellen, ob es historische Gemäuer sind, denen man eine jahrhundertealte Baugeschichte anmerkt oder moderne Betonbauten, die den Heimatvertriebenen nach dem Zweiten Weltkrieg eine geistliche Heimat und neue Hoffnung geschenkt haben. Kirchen bestimmen vielerorts das Bild und die Ortsmitte unserer Wohnorte. Sie stiften Identität und sind ein Wahrzeichen der jeweiligen Gemeinde. Auch wenn manche Zeitgenossen die Kirchen nur noch selten aufsuchen, so empfinden sie oft eine gewisse Verbundenheit mit diesen Gebäuden. Ohne Gotteshäuser würden viele Orte ihr Gesicht verlieren. Daher werden die Weihejubiläen der Kirchen an vielen Orten mit Freude und Dankbarkeit begangen.

Zugleich machen Kirchen den Glauben sichtbar. Gerade die hohen Kirchtürme sind wie ein Fingerzeig zum Himmel, der unseren Alltagssorgen noch einmal eine andere Blickrichtung verleihen kann. Kirchen halten Gott im Alltag präsent und bieten den christlichen Gemeinden Räume für Gebet und Zusammenkunft. Das macht sie so kostbar und wertvoll. So ist es nicht verwunderlich, dass viele Emotionen im Spiel sind, wenn heute an manchen Orten über den Erhalt oder Abriss von Kirchen diskutiert wird. Mit der Umnutzung einer Kirche verschwindet nicht nur ein Gebäude. Mit dem Abriss einer Kirche geht auch christliche Präsenz vor Ort verloren. An diesem Sonntag feiern viele Gemeinden das Kirchweihfest. Dabei werden wir daran erinnert, dass sich Gott zuallererst einen Tempel aus lebendigen Steinen erbaut, nämlich aus denen, die an ihn glauben. Den Kirchengebäuden kommt eine hohe Bedeutung zu. Aber wichtiger noch sind die Menschen, die ihren Glauben leben und bezeugen.

Adrian Warzecha

Pfarrer in Neresheim

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Disput um Gottes Wort?

In den letzten Tagen sind die ersten Prospekte der Buchverlage in den Pfarrämtern eingetroffen, ja, sie ist da, die neue Einheitsübersetzung der Bibel! Und fast zeitgleich wird  in der evangelischen Kirche die revidierte Fassung der Lutherbibel – pünktlich zum 500. Reformationsjubiläum – vorgestellt. Die Christen sind, auch was die Grundlage ihres gemeinsamen Glaubens betrifft, nicht einig!

Dabei gab es durchaus den hoffnungsvollen Versuch mit der ersten Ausgabe der „Einheitsübersetzung“ der Bibel im Jahr 1979, die von evangelischen und katholischen Bibelwissenschaftlern gemeinsam erarbeitet worden war. Eine Revision schien schon länger angezeigt, aber die gemeinsam gestartete Aktion führte zu keinem gemeinsamen Ergebnis mehr, was sehr bedauerlich ist. Nach meiner Überzeugung tragen beide Seiten daran ihre Verantwortung. Im Jahr 2001 veröffentlichte auf katholischer Seite das römische Lehramt Auslegungskriterien, die für die  evangelischen Mitarbeiter am gemeinsamen Projekt unannehmbar waren und schließlich 2005 zum Austritt führten. Man sollte aber auch nicht verhehlen, dass die Einheitsübersetzung der Bibel in der evangelischen Kirche nie besondere Wertschätzung erfuhr, die Lutherbibel blieb immer sozusagen „erste Wahl“. Tragisch an der ganzen Sache ist nur, dass die von Rom verlangten Kriterien nach Aussage eines teilnehmenden katholischen Bibelwissenschaftlers bei der Revisionsarbeit letztlich gar keine Rolle gespielt haben. Verspielt aber wurde die Möglichkeit, sich auf eine neue gemeinsame Einheitsübersetzung der Bibel zu verständigen.

Nun gibt es also bald zwei neue Bibeln, welche die Forschung der letzten Jahrzehnte widerspiegeln. Man darf gespannt sein, was sich alles verändert hat. Für die „katholische Bibel“ werden mehr Texttreue zum griechischen Urtext, aber auch bessere Lesbarkeit angekündigt. Und die neue Ausgabe des „Buches der Bücher“ ist bereits für knapp 10 Euro in der einfachsten Ausgabe im Buchhandel zu erwerben.

Der evangelische Theologe Dietrich Bonhoeffer schrieb einmal: „Ich glaube, dass die Bibel allein die Antwort auf alle unsere Fragen ist, und dass wir nur anhaltend und etwas demütig zu fragen brauchen, um die Antwort von ihr zu bekommen.“ – So betrachtet, können die beiden neuen Bibeln auch ein Gewinn sein und in einen guten Wettstreit treten. Wo finde Aussagen treffender und griffiger formuliert? Wo spricht mich die Botschaft Jesu authentischer an? Es lohnt sich, wieder einmal zur Bibel zu greifen, sie enthält Gottes Wort an uns, Fleisch geworden in Jesus Christus.

Robert Kloker
Münsterpfarrer in Schwäbisch Gmünd

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Erntedank

Seit 1972 feiern die Katholiken in Deutschland am ersten Wochenende im Oktober das Erntedankfest. Dazu sind die Kirchen mit Erntedankaltären geschmückt und in den Gottesdiensten danken die Gläubigen Gott für seine Schöpfung und dafür, dass sie reichlich zum Leben haben.

Gleichzeitig kommen die Menschen in den Blick, denen es am Nötigsten zum Leben fehlt und die den Satz „Unser tägliches Brot gib uns heute“ aus dem Vater Unser mit großer Sorge sprechen.

Erntedank – ein Fest des Dankens und der Solidarität.

Entscheidend ist jedoch, dass wir Erntedank nicht auf ein Datum, auf einen Tag im Jahr reduzieren, sondern uns täglich bewusst machen, dass wir die Früchte der Natur und unserer Arbeit nicht einfach selbstverständlich ernten und genießen können.

So drückt sich meine Dankbarkeit beispielsweise im Alltag in einem einfachen und unscheinbaren Tischgebet aus:

„Dir sei, oh Gott, für Speis und Trank

für alles Gute Lob und Dank!“

Obwohl ich mit diesen Worten schon seit vielen Jahren bete, spreche ich das Gebet nicht nur so vor mich hin, sondern empfinde jeden Tag aufs Neue wenigstens einen Augenblick lang echte Dankbarkeit über meine Lebenssituation und die gute Versorgunglage hierzulande. Gleichzeitig frage ich mich jeden Tag: Worin besteht heute eigentlich das ‚Gute‘?

Erstaunlicherweise hat es noch keinen Tag gegeben, an dem diese Frage unbeantwortet geblieben ist, denn jeder Tag hat bisher etwas Gutes gehabt!

Insofern lädt mich das Erntedankfest einmal im Jahr ein, mir meine guten Lebensumstände bewusst zu machen – auch wenn ich oft das Gefühl habe, dass es mehr sein könnte.

Und es lädt mich ein, das Gute in meinem Leben zu sehen und es dankbar anzunehmen, es zu würdigen.

Tobias Kriegisch, Dekanatsreferent

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Barmherzigkeit – ein Herz für die Armen

Als ich neun Jahre alt war,  hat mich mein Vater zu einem Festvortrag zum Jubiläum der Straffälligen Hilfe Tübingen mitgenommen. Der Festredner war Abbé Pierre, der in Frankreich schon zu Lebzeiten ein Nationalheiliger war und viele Jahrzehnte lang in Umfragen der beliebteste Franzose. Ich war von seiner Ausstrahlung und dem Inhalt der Rede, die er auf Französisch gehalten hat, so bewegt und beeindruckt, dass mir diese Begegnung bis heute gegenwärtig ist. Abbé Pierre hat sich ganz besonders für Arme, Wohnungslose und für Flüchtlinge engagiert,  und die Emmaus Organisation  gegründet (www.emmaus-international.org).

Zentraler Punkt seiner Rede war, dass es nicht reicht obdachlosen oder straffällig gewordenen Menschen Geld zu geben und sie weiter zu schicken, sondern dass es notwendig ist, sie in eine Gemeinschaft aufzunehmen, in der sie erfahren können, dass sie gebraucht werden und ihr Leben einen Sinn hat, weil sie selbst anderen helfen können. Er berichtete davon, wie er  zu einem Straffälligen, der sich das Leben nehmen wollte, sagte: „Ich kann dir nichts geben. Aber Du, der nichts hat, statt zu sterben, komm und hilf mir zu helfen!“ Das ermutigte diesen weiter zu leben und war gleichzeitig der Anfang einer großen Bewegung, die bis heute in ganz Europa lebendig ist.

Menschen mit einem liebenden Herzen ansehen, aus der tiefen Erfahrung heraus, dass Gott die Liebe ist und wir durch seine Liebe uns liebend dem Nächsten zuwenden können in einer Haltung der Barmherzigkeit – lateinisch misericordia: das Herz bei den Armen haben – das ist Abbé Pierres Vermächtnis.

Diese Grundhaltung fordert heraus und prägt auch unsere Arbeit bei der Caritas und die Haltung vieler Menschen, die sich für arme und heimatlose Menschen einsetzten.

Natalie Pfeffer
Caritas Ost-Württemberg

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Täume und Bilder in einem wecken

Menschliche Grausamkeit hat es immer gegeben und doch scheint es uns, als werde sie von Monat zu Monat exzessiver und mit grausamerer Fantasie gefeiert. Erklärend spricht man von „Perspektivlosigkeit“ und „Gefühlen der Isolation“ bei den Tätern. Ich beschreibe es für mich so, dass Menschen sich in sich selbst einkerkern. Sie verkommen in einer inneren Leichenhalle, darin Traurigkeit und Hass wie Giftpilze sprießen. Bei einigen bringen diese Giftpilze furchtbare, tödliche Sporen hervor. Harry Potter, der Held in J. K. Rowlings gleichnamigen Romanen, wuchs, von seinen Verwandten nur widerwillig aufgenommen und wenig geliebt, in einem finsteren Treppenverschlag auf. Auch in Harrys Herzen hätten Giftpilze wuchern können. Sie taten es aber nicht. Warum? Weil er zur richtigen Zeit befreit wurde, Güte, Liebe erfahren durfte und in eine andere Welt, in eine Zauberwelt, eintauchen konnte. Viele Menschen lieben diese Geschichte und sie lieben sie zurecht – vielleicht, weil es uns im Innersten berührt, dass ein Mensch den dunklen Verschlag seines bisherigen Lebens verlassen kann und in eine Zauberwelt aufbricht, die hinter der Alltagswelt versteckt liegt und auch durch eine Kloschüssel betreten werden kann. Insgeheim sehnen wir uns vielleicht selbst, in einer verzauberten Welt zu leben. Diese Welt ist gar nicht fern. Wir tragen sie in uns. Wenn es eine große Gabe der Religionen gibt, dann ist es jene, im Menschen diese Träume und Bilder von einer größeren, zauberhaften Welt zu wecken, einer Welt hinter der oft jämmerlichen und bedrückenden Realität. Man hat diese Fähigkeit, die zutiefst mit der Fantasie verwandt ist, bis hinein in die Theologie vergiftet und unter den Verdacht der „Realitätsflucht“ gestellt. Der Religion, besonders dem Christentum, ist es aber darum dem Menschen zu zeigen, dass diese Welt kein finsterer Kerker ist. In Gottes Augen ist diese Welt zwar verwundet,  mit schwärenden Wunden überzogen. Aber völlig verdorben, das ist sie nicht –wäre es so, wir würden im Dreck menschlicher Bosheit ersticken. Musik, Kunst, die Weltliteratur, die Liturgie der Kirche – sie laden dazu ein, „in freier Luft den Atem leicht zu heben“ (Fidelio), den Treppenverschlag, den inneren Kerker zu verlassen und auch unseren Alltag, wenn doch nicht zu verlassen, so ihn doch etwas zu verzaubern.

Dominik Kern
Pastoralassistent SE 17

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Wenn es hart kommt

In der Sonntagslesung hört man aus dem Hebäerbrief: „Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er“. Eine aus heutiger Sicht zugegebenermaßen seltsame Vorstellung vom „lieben Gott“.

Im weiteren Verlauf des Textes wird dies mit Bezug auf die irdische Praxis der damaligen Zeit als normale und sinnvolle Abhärtung erläutert, ja geradezu als Ausdruck einer gelungen respektablen Beziehung. Heutzutage haben wir „Gott sei Dank“ andere pädagogische Vorstellungen und Gesetze, die z.B. die körperliche und seelische Gewalt verbieten.
Verstehbar wird das Ganze, wenn das Leben als ein beständiger Kampf, vor allem als ein Kampf gegen die Sünde verstanden wird. Sünde steht für das in unserem Leben, was uns von den Menschen und Gott trennt, also ein umfassender Vorgang auf der Ebene der Beziehung, der uns als ganzen Menschen mit allen unseren Bereichen fordert.

Nun, kämpfen will schließlich gelernt sein und Züchtigung ist Abhärtung, wenn man so will ein mitunter qualvolles Training. Diese Erfahrung kennen viele von uns. Nur wer sich in der Sache müht, wer an sich arbeitet, körperlich, geistig und charakterlich, kann am Ende Erstaunliches leisten. Eine Aufgabe eines Trainers oder Erziehers ist es, den notwendigen Widerstand bzw. Konsequenz zu bieten, die freilich nicht immer Freude auslöst.

In solchen Kontext rückt der Verfasser auch die viele Unbill unseres Lebens. Ob Verfolgung, Krankheit, Verluste oder andere Widrigkeiten, alle werden in diesem Sinn gedeutet und erhalten damit einen neuen Sinn.
Zweierlei finde ich spannend: Einerseits wird mit dieser Haltung selbst das Böse noch in die Verfügung Gottes eingeordnet und verliert damit seinen zerstörerische Bestimmung. Andererseits wird der Ruf „warum ich, das ist so ungerecht“ in ein „wozu werde ich gerüstet“ verwandelt.

Die Effekte oder Früchte des Gottestrainings sind Bewährung und Frieden. Wer mit Blick auf das Kreuz Jesu Christi sich in die vielen Verluste des Lebens einübt und darin bewährt, der kann am Ende, wenn mit Sterben und Tod der Kampf verloren geht, getrost loslassen und wird darin Frieden und ewige Beziehung finden.
Schön ist, diese Menschen strahlen es bereits zu Lebzeiten aus. Sie sind als Zeichen bzw. Segen Frieden stiftend unter den Menschen und motivieren andere zum Training. Auf geht’s!

Martin Keßler, Dekanatsreferent

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„Sich des Lebens zu freuen…

ist die beste Kosmetik für Frauen“, habe ich im Reformhauskurier gelesen.

Gilt das auch für Männer?  Sich etwas Gutes tun, das ist in der Ferienzeit leichter

als sonst im Jahr. „Ich bin im Urlaubsmodus“ sagen viele und sind froh, dass sie nachts entspannter ins Bett gehen können, weil  sie nicht an den Arbeitsstress  und die Erledigungen von morgen denken müssen. Sie freuen sich gleichzeitig, dass sie Arbeiten in Ruhe und mit Bedacht ausführen können, die sie bisher auf die lange Bank geschoben haben: Reparieren der Kappsäge, Aufräumen in der Bühne, Zurückschneiden im Garten, Weißeln der Küche.  Und wie befreiend kann es sein, morgens noch nicht zu wissen, was der Tag an Unternehmungen bringen mag.

„Sorgt euch nicht um morgen, denn der morgige Tag wird für sich selbst sorgen. Lernt von den  prächtigen Lilien, die auf dem Feld wachsen.“ Wir ahnen, was Jesus damit meint und wissen gleichzeitig, dass diese Theologie in unserem üblichen Alltag schnell aufgebraucht ist. Symbolhaft für diese ernüchternde Sichtweise sind die riesigen Maisfelder, die  heutzutage selbst Wegwarten und Bienen den Garaus machen.

Erinnern Sie sich noch an Frederick?  Ja, das war die kleine Maus, die im Sommer für den Winter ungewöhnliche Vorräte sammelt:  Sonnenstrahlen, Farben und Wörter.  Das kommt  der Haltung von Jesus sehr nahe.  Die Ferienzeit als spirituelle Auszeit nutzen. Im zweck- und terminfreien Staunen das Leben aus einer anderen Perspektive betrachten. Das macht uns aufmerksamer und mitfühlender. Ich wünsche Ihnen, dass Ihre Vorräte bis zur nächsten Urlaubszeit reichen.

Wolfgang Fimpel, Pastoralreferent

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Hat Gott heute frei? 

„Hat Gott in den Ferien auch frei?“, fragte mich vor den Kindergartenferien eine Vierjährige. Schnell antwortete ich mit „nein“, denn wir haben es ja so gelernt, dass Gott immer für uns da ist! Die Frage aber beschäftigt mich dennoch weiter und ich frage mich, ob es vielleicht von Gott an uns Menschen so etwas wie eine Empfehlung zum Umgang mit freier Zeit gibt.

Als Gott die Welt erschaffen hat, da ruhte er am siebten Tag. Er legte eine Pause ein und schaute auf das, was er die Woche über gemacht hatte. Wenn schon Gott einen Ruhetag in der Woche hält, dann braucht der Mensch erst recht mal eine Pause. Weiter können wir in der Bibel von mehrtägigen Festen lesen, die gefeiert werden sollen, um dem Menschen Erholung zu bieten. Zudem empfiehlt Gott, alle sieben Jahre ein Sabbatjahr zu halten.

Die Freizeitempfehlung Gottes: ein freier Tag pro Woche, unterm Jahr mehrmals ein paar Tage raus aus dem Alltag und alle sieben Jahre mal eine längere Auszeit. Das durchzuhalten wird nicht leicht sein; zu viele Verpflichtungen binden uns. Unser straffes Zeitkorsett lässt nicht genügend Freiräume, sich regelmäßig an einen ruhigen Ort zurückzuziehen oder auch Langeweile auszuhalten, um aus dieser Situation heraus wieder produktiv werden zu können. Wenn Freizeit keine freie Zeit mehr ist, finden wir keine Balance mehr zwischen Leistung und Entspannung.

Diejenigen aber, die Gottes Freizeitempfehlung nachzugehen versuchen, können erfahren, wie gut eine Distanz zum Alltag tut. Wir brauchen Unterbrechungen, um abzuschalten, den Alltag zu vergessen und neue Kraft zu sammeln. Gott hat uns eine Freizeitempfehlung gegeben. Nutzen wir sie! Ich wünsche Ihnen eine schöne Urlaubszeit und im Alltag danach eine erholsame Freizeitgestaltung!

Francesco Antonelli, Pfarrer

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Roter Teppich zu unserem Herzen

Zu Beginn meiner beruflichen Tätigkeit in der Gemeindeseelsorge hatte ich in einer neuen Familie den Dienst der Krankenkommunion übernommen.

Wenn wir als Seelsorger dort ankommen wissen wir nicht, was und wer uns erwartet. Von der Schwiegertochter wurde ich damals zum Krankenbett geführt. Dort war ich dann zunächst total unsicher – der Mann war bettlägerig und geistig ganz abwesend. „O je. Wie und was mache ich jetzt?“, „Wie geht das mit der Kommunion?“ oder ähnliche Worte wie im Sonntagsevangelium „Herr, lehre mich beten“ waren dabei meine ersten Gedanken. Beruhigend war für mich, dass die Schwiegertochter mit bei der kleinen Feier dabei blieb. Wir haben miteinander gesungen – sie hat bei der Lesung zugehört und die Antworten mitgesprochen. Für mich kam die große Überraschung als wir miteinander das „Vater unser“ begonnen haben: Plötzlich wurde der Mann wach – plötzlich hatte er Worte – plötzlich hat sich sein Gesichtsausdruck verändert, entspannt – plötzlich haben seine Augen sich bewegt – plötzlich hat er geschaut, wie wenn ihn jemand anschaut –  plötzlich war er mitten in unserer Feier dabei, … um danach genauso plötzlich wieder in seinen Dämmerzustand zurückzugleiten.

Dieses Erlebnis hat sich mir ins Herz eingebrannt. Das erzähle ich Eltern, Erzieherinnen, Kolleginnen – heute Ihnen – immer wieder: Wie gut ist es, wenn wir gute Worte in unserem Herzen haben; wie gut, wenn wir Schätze angesammelt haben, die unseren Augen Glanz geben;  wie gut, wenn uns der Geist Jesu erfüllt und ergreift, wenn unser eigener Geist weniger wird; wie gut, wenn er in seinen Worten aus uns heraus spricht, wenn uns die Worte abhandenkommen.

In diesem Sinne dürfen wir den kommenden Sonntag nutzen und sind eingeladen, dem wunderschönen „Vater unser“ durch das Evangelium in der katholischen Kirche und das Gebet in allen christlichen Kirchen, den roten Teppich zu unserem Herzen auszurollen.

Angelika Keßler
Gemeindereferentin/Kindergartenbeauftragte

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Freundschaft

„Schön, Menschen zu finden, deren Kopf den gleichen Innenarchitekten hatte.“ Dieser Spruch hat mich letzte Woche schmunzeln lassen. Sicher kennen Sie die belebende Wirkung wenn Sie  auf Menschen  treffen, deren Art zu denken oder die Weise zu empfinden der eigenen ähnlich ist. Nicht Gleichmacherei oder Einheitsbrei sind gemeint. Dem gleichen Innenarchitekten folgen meint, bei der Gestaltung eines Innenraumes gewisse ästhetische und technische Kriterien zu befolgen. Auf den Innenraum von Menschen hin gesprochen könnten dies Merkmale sein wie: aufmerksam  sein, wahrnehmen können,  einen weiten Horizont mit schlichter Bodenständigkeit verbinden. Der Anlass zu dem der Spruch zitiert wurde, war ein Gespräch über das Thema Freundschaft.  Dem Spruch zufolge sind Freunde Menschen, deren Kopf den gleichen Innenarchitekten hatten. In der Fortsetzung zum Evangelium zum Samstag  werden wir Freunde genannt. „nicht mehr Knechte…. Vielmehr Freunde…“. (Joh15,15)  Freundschaft als Geisteshaltung unter Menschen, die sich auf Jesus beziehen?  Freundschaft als Loyalität zur Botschaft? Individuelle, persönliche Freundschaft zum kosmischen Christus? Innenarchitekten beschäftigen sich mit Raumwirkung. Räume bringen Empfinden zum Ausdruck und wirken auf Menschen zurück. So können Menschen, die im Inneren Jesus folgen, im Äußeren die Gesellschaft mitgestalten. Wenn sie aufeinander treffen erkennen sie sich zum Beispiel daran, dass sie darum ringen, wie das ästhetische Kriterium soziale Gerechtigkeit handwerklich fachgerecht umgesetzt wird. In der KAB (Katholische Arbeitnehmerbewegung) nennen wir es Gerechtigkeitshandeln. Anders als unser Name vermuten lässt, spielen in dieser Freundschaft  Konfession, Partei, Nationalität, Religion eine untergeordnete Rolle .“Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut was ich euch auftrage“.(Joh.15,14).

Maria Sinz
KAB Referentin

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Was muss ich tun?

Was muss ich tun, um im Fußball Europameister zu werden? Spiele gewinnen! Und wenn das nicht gelingt? Dann gehört man zu den Verlierern, ist draußen. Und das obwohl man im Spiel durchaus eine ganz ordentliche Leistung abgeliefert hat.

Was muss ich tun, um in unserer Gesellschaft zu bestehen? Wie im Fußball: Leistung abliefern. Und wenn das nicht gelingt? Dann gehört man zu den Verlierern, ist draußen. Und das obwohl man bisher im Leben durchaus ganz gut zu Recht gekommen ist.

In 14 Tagen feiert die Wohnungslosenhilfe in Aalen ihr 30-jähriges Bestehen. Ein Ort für Menschen, die ihre Wohnung und vieles mehr verloren haben. Aber: Diese Menschen müssen nicht draußen bleiben. Denn ob jemand zu den Verlieren oder zu den Gewinnern innerhalb einer Gesellschaft gehört entscheiden WIR!

Das Evangelium vom Barmherzigen Samariter an diesem Sonntag bringt das anschaulich auf den Punkt. Da liegt ein Wehrloser und ein Geschundener im Straßengraben und die ganze Welt geht an ihm vorbei, bis einer anhält und sich um ihn kümmert.

Mit dem Kümmern verschwimmen und verschwinden die Kategorien von ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘. Gelebte Barmherzigkeit löst den Gegensatz zwischen Gewinnern und Verlieren auf, lässt beide einfach Mensch und menschlich sein.

Das wird seit 30 Jahren in Aalen gelebt, wenn Menschen ohne viel Aufsehen Obdach gegeben wird. Die Frage aber beleibt: „Was muss ICH tun?“

Vielleicht weniger in den Kategorien von ‚Gewinnen‘ und ‚Verlieren‘ denken – auch wenn das nicht einfach ist in einer Welt, in der es wesentlich um Leistung geht. Vielleicht nicht immer gleich in den Wettkampfmodus schalten und eher das Verbindende und Gemeinsame suchen und sehen?

Was ich tun muss, erahne ich und Sie?!

Tobias Kriegisch
Dekanatsreferent

 

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Glücksvokabeln

Was ist für Sie das schönste Wort in der deutschen Sprache?

Das fragte die Deutsche Welle im letzten Jahr auf ihrer Deutsch-Lern-Seite auf Facebook. Zwei Journalisten erstellten aus den zahlreichen Rückmeldungen der Migranten und Flüchtlinge Wörterlisten, sortiert nach Häufigkeit und sprachlicher Herkunft der Befragten. Heraus kam ein berührendes Wörterbuch, das uns die Schönheit, das Melodiöse, das Gefühlvolle unserer Sprache neu zeigen kann.

Regenbogen, Kugelschreiber, Kuscheltier

Welche Erfahrungen der neu Angekommenen stehen wohl hinter den Nennungen dieser Wörter?

Schmetterling, Sehnsucht, Schatz

Welche Wünsche sind hinter diesen Worten verborgen?

Der Blick von außen bereichert nicht nur die Wahrnehmung unserer Sprache, sondern lässt uns auch unsere Alltagskultur, unsere Wertvorstellungen, unsere Religion neu wahrnehmen. In den Schulen erfahren viele Lehrerinnen und Lehrer die religiöse Vielfalt der Schülerinnen und Schüler, neben allen Herausforderungen, auch als spannendes Feld. Im Unterschied zu der unter vielen Erwachsenen um sich greifenden Abwertung gegenüber allem, was als abweichend und fremd wahrgenommen wird, wachsen Kinder zunächst einmal ganz selbstverständlich auf mit Kindern, die andere religiöse Prägungen haben oder auch keine. Neuere Forschungen zeigen, dass sie bereits im Kindergartenalter religiöse Unterschiede wahrnehmen und darüber nachdenken. Wichtig sind dann kompetente Ansprechpartner, die die Vorstellungen und Fragen der Kinder ernstnehmen, über eine interreligiöse Sensibilität verfügen und die unbegreifliche Größe von Gottes Wirken erahnen lassen.

Das Fremde als das Besondere mit einem eigenen Geheimnis stehen zu lassen und das Verbindende zu feiern, das gelingt in Schulen immer wieder und ist eine beglückende Erfahrung. Die gelebte Willkommenskultur führt zu bereichernden Begegnungen, kreativen Projekten, spannenden Kooperationen, fröhlichen Festen. „Wir haben uns gezeigt, was wir gelernt haben und dass wir zusammengehören. Das war so schön.“ Ja, das Geheimnis liegt im sich Öffnen, in der Begegnung, in überraschenden Erfahrungen.

Riesenkompliment: Das ist ein weiteres Lieblingswort aus der Liste. Für mich gilt es für alle, die offen sind für Begegnungen, sich einsetzen gegen Ausgrenzung und sich engagieren, ob nun an den Kindergärten und Schulen oder an anderen Orten in unserer Stadt.

Ulrike Engel
Schuldekanin

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Geht es Ihnen auch so?

Geht es Ihnen auch so? Manchmal habe ich fast keine Lust mehr, die Nachrichten anzuschauen. Eine Horrormeldung nach der anderen: Terrorangriffe, gewalttätige Hooligans, Angriffe auf Politiker, nicht enden wollende Kriege und daraus resultierende Flüchtlingsschicksale. Was ist los auf dieser Welt? Sind viele wirklich von allen guten Geistern verlassen? Was treibt sie an zu solch sinnlosen Gewalttaten? Oder umgekehrt gefragt: Gibt es für sie so wenig Gutes, wofür es sich zu leben und sich einzusetzen lohnt? Es ist erst wenige Wochen her, dass wir Christen das Fest des Heiligen Geistes gefeiert haben. Am Pfingsttag haben die Jünger, angetrieben und angefeuert durch den Geist Gottes, ihren geschlossenen Raum verlassen. Sie konnten die Botschaft Jesu den Menschen unterschiedlichster Herkunft, Sprache und sozialer Zugehörigkeit so verkünden, dass sie sie unmittelbar verstanden. Sie traf sie mitten ins Herz, wird erzählt und verwandelte ihr Leben. Es bleibt eine Herausforderung und ein Ansporn für alle Christen, sich vom Geist Gottes durchdringen zu lassen und für einen guten Geist zu sorgen im privaten Umfeld ebenso wie in der Politik, in den sozialen Netzwerken wie in unseren Fanclubs. Wer sich an Jesus Christus orientiert, darf sich nicht zu fanatisierter und sinnloser Gewalt hinreißen lassen. Er darf nicht agieren, als sei er von allen guten Geistern verlassen. So mahnt Paulus Timotheus: Entfache die Gnade Gottes wieder, die in dir ist, seit ich dir die Hände aufgelegt habe. Denn Gott hat uns nicht einen Geist der Verzagtheit gegeben, sondern den Geist der Kraft, der Liebe und der Besonnenheit (2Tim1,7). Dies gilt auch uns.

Elisabeth Beyer
Pastoralreferentin

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Die Kraft der göttlichen Musik

Können Sie sich ein Fest vorstellen, bei dem es keine Musik gibt? Können Sie sich einen feierlichen Gottesdienst vorstellen ganz ohne Musik? Nein, Musik gehört dazu! Sie ist Teil unseres Lebens und sie ist Teil unseres Feierns. Auch ist sie Teil christlicher Vorstellung vom Jenseits, wo singend und spielend ganze himmlische Heerscharen, Cherubim und Seraphim Gott loben und seine Herrlichkeit preisen.

Bei seiner ersten Rede nach seiner Emeritierung sprach Papst Benedikt XVI. im Juli vergangenen Jahres nicht aktuelle kirchenpolitische Themen an, wie vielleicht manche gedacht hätten, sondern beleuchtete – ausgehend von persönlichen Erfahrungen – die Frage: „Was ist das überhaupt – Musik? Was ist ihr Woher und was ist ihr Wozu?“

Drei Ursprünge der Musik zeigt er dabei auf: Erstens die „Erfahrung der Liebe“, zweitens die „Erfahrung der Trauer“ und endlich die „Begegnung mit dem Göttlichen, die von Anfang an zum Menschsein gehört.“

Richtet sich das gesprochene Wort vor allem an unseren Verstand, gelingt es der Musik unmittelbar, die Seele der Menschen zu berühren und, da sie sinnlich wahrgenommen wird, Trägerin einer über sich selbst hinausweisenden Botschaft zu sein; Musik kann so sogar zur mystischen Erfahrung werden.

Die Antike personifiziert die göttliche Kraft der Musik in Gestalt des Orpheus, dem es mithilfe seines Gesangs und Lyraspiels gelingt, die Grenze zwischen Diesseits und Jenseits zu überwinden: Musik wirkt als Mittlerin zwischen Menschlichem und Göttlichem.

Zum Menschsein gehört also die Musik. Sie gehört zu unseren Freuden und Leiden, ist Teil unseres Wesens. Und vielen ist sie Botschafterin der Hoffnung, im Leben und im Sterben.

 In einem seiner bekanntesten Lieder vertont Franz Schubert ein Lob „An die Musik“ nach der Textvorlage seines Freundes Franz von Schober, das wie folgt lautet:

„Du holde Kunst, in wieviel grauen Stunden, wo mich des Lebens wilder Kreis umstrickt, hast du mein Herz zu warmer Lieb‘ entzunden, hast mich in eine bessre Welt entrückt!

Oft hat ein Seufzer, deiner Harf‘ entflossen, ein süßer, heiliger Akkord von dir den Himmel bessrer Zeiten mir erschlossen, Du holde Kunst, ich danke dir dafür!“

Stephan Beck
Kirchenmusiker des Heilig-Kreuz-Münsters, Schwäbisch Gmünd

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„Verrohung der Sprache“

„Verrohung der Sprache“ so bezeichnete der Präsident des Bundeskriminalamtes Holger Münch eine Entwicklung der letzten Zeit. Vor allem in den sogenannten sozialen Netzwerken wird die Hemmeschwelle immer niedriger andere Menschen zu beschimpfen oder Schlechtes und Unwahres über sie zu verbreiten. Das mag zum einen daran liegen, daß sich viele im Internet in der Anonymität wähnen und das Internet als rechtsfreien Raum wahrnehmen, zum anderen aber auch daran, daß der wirkliche Kontakt zum Gegenüber fehlt. Da ist sehr schnell einmal eine ausfallende Bemerkung geschrieben, denn ich sehe ja nicht wie der andere reagiert und habe nur mein eigenes subjektives Bild vor Augen. Diese nährt sich oft von Vorurteilen. Wer aber seinem Gegenüber in die Augen blickt wird seine Worte anders wählen, denn er bekommt sofort eine Reaktion. Wird sogar mehr Verständnis aufbringen, denn es geschieht Begegnung. Jesus setzt sich sehr für die persönliche Begegnung mit seinen Mitmenschen ein. Im Evangelium am morgigen Sonntag werden wir hören, daß Jesus sich von einer Sünderin die Füße salben läßt. Er scheut sich nicht mit Menschen, die in der Gesellschaft verachtet waren, hautnah in Berührung zu kommen. Er zeigt, daß es auch anders geht. So finden Außenseiter zurück in die Mitte der Gemeinde und bekommen Beachtung und Verständnis. Jesus lenkt den Blick auf die Menschen, die oft und gerne übersehen werden.

Für mich heißt das meinen Blick zu weiten und auf die Menschen zu schauen. Seien sie scheinbar unter mir oder aber auch auf Augenhöhe, denn jeder hat es verdient, daß ich ihm in das Gesicht blicke. Vor allem aber den persönlichen Kontakt zu ihm suche.

P. Jens Bartsch
Leiter Landpastoral Schönenberg

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Atemlos

Wer kennt es nicht in unserer Zeit, das Gefühl, atemlos durch die Tage und Wochen zu hetzen, getrieben zu sein und von Fliehkräften aus der eigenen Mitte gerissen zu werden. Letztlich spiegelt der Atem unsere Stimmung und leib-seelische Verfasstheit wider: Ob wir aufgeregt sind und uns freuen, oder voller Angst sind; ob wir im inneren Gleichgewicht sind, oder an der Oberfläche abgetrennt von der Tiefe agieren. Auch unser Lebensstil wirkt sich darauf aus. Praktisch sind wir keineswegs „Atem –los“, da beständig ein nächste Atemzug folgt. Genau da läge, bzw. liegt der Schlüssel und Zugang zu dem, was wir in der Atemlosigkeit verlieren, nämlich die Verbindung zu unserer Intuition. Gerade dieser Verlust lässt uns im Besonderen leiden, ob bewusst oder unbewusst. Im Hamsterrad und bei blank liegenden Nerven fehlt uns der tiefere Orientierungspunkt der intuitiven Wahrnehmung, sowohl für uns selbst, als auch in der Verbindung zu den Menschen um und mit uns. Unser Handeln wird damit nicht mehr von Weisheit geleitet, sondern vom eingeschränkten Tunnelblick gesteuert, beim schnellen Erledigen unter dem Druck des Funktionierens. Dort ziehen wir vornehmlich nur die aktiven Möglichkeiten in Betracht. Das Wesen des Atemzyklus beinhaltet jedoch die aktive und die passive Dimension unseres Lebens. Die Aufmerksamkeit auf den Atem sensibilisiert uns dafür und hilft, dass unsere Aktivitäten von Passivität begleitet, durchdrungen und getragen wird. Im Verweilen beim Atem sammelt und entleert sich unser Geist. Bei derartiger Ausrichtung auf´s Einfache finden wir zurück aus der Kompliziertheit unseres Denkens zur Einfachheit des Lebens. Das Achten auf den Atem führt uns zu uns selbst, in die Gegenwart, in die langsamen Rhythmen des Lebens, bis hin zu einer gesammelten Präsenz. Er schenkt uns Zugang zu Ruhe, Gleichgewicht, Gelassenheit, Sicherheit, Selbstwert und Kraft. Darüber hinaus ist der menschliche Atem ein heiliges Geschehen, er öffnet unser Herz zum Göttlichen. Gottes Lebensatem belebt und bewohnt den Menschen, inspiriert ihn und lässt ihn aufatmen. In der Bibel heißt es: Gott gibt allem Leben und Atem; in ihm leben wir, bewegen wir uns und sind wir. (Apg 17,25-28) Immer und überall begleitet uns der Atem. Mit jedem Atemzug ist uns die Gelegenheit geschenkt, den atem-losen Zustand zu durchbrechen: Einfach mal hinsitzen und durchatmen. Wenn wir ohne Zwang und Druck aus- und einatmen, dürfen wir im entspannenden Sinne LOS-Lassen und dann wieder neu Kraft schöpfen und den Strom des Lebens spüren.

Michaela Bremer
Landpastoral Ostalb

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Arbeiten um zu leben

Der 1. Mai, der Tag der Arbeit fällt heuer auf einen Sonntag, einen Ruhetag. Das wurde er in den letzten Jahren mehr und mehr. Die traditionellen Maikundgebungen finden immer weniger Zuspruch. Warum eigentlich? Während einerseits immer mehr Menschen von ihrer Erwerbsarbeit immer weniger leben können, fallen an anderer Stelle immer mehr Menschen in einen Burnout, sind am Ende ihrer Kräfte. In diesen Tagen musste die Bundesregierung eingestehen, dass für die rechnerische Erreichung des Sozialhilfesatzes in der Rente ein Mindestlohn von 11,68€ notwendig wäre. Und dann steht die industrielle Revolution 4.0 vor der Tür. Nicht nur die Produktion wird von „intelligenten Maschinen“ gesteuert, sondern jegliche Arbeit wird in digitale Teilprozesse zerlegt und damit zu Marktpreisen gehandelt werden. Unsere mühsam errungenen Sozialsysteme knirschen jetzt schon und werden in einer voll digitalisierten „Arbeitswelt“ völlig neu gedacht werden müssen. Wie wollen wir diesen Wandlungsprozess (mit)gestalten? Erleben wir das als über uns hereinbrechende von Menschenhand gemachte (Natur)katastrophe, oder finden sich Menschen und Kräfte, die sich Auswüchsen und fatalen Entwicklungen entgegenstellen? In der katholischen Soziallehre sind Prinzipien beschrieben, die uns auch in diesem Wandlungsprozessen Ansporn und Geleit sein könnten: Die Solidarität, die Subsidiarität und das Gemeinwohl. Das klingt für manche Ohren erstmal etwas verstaubt, aber was ist Gemeinwohl anderes, als ein gutes, gerecht organisiertes Zusammenleben, in dem klar zum Ausdruck kommt, dass ein reiner Individualismus in eine gesamtgesellschaftliche Sackgasse führt. Die Option für die Armen, die die Bibel betont, braucht nicht anderes als Solidarität. Und die Würde des Menschen kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass subsidiär dort Verantwortung wahrgenommen wird, wo sie leistbar ist.

Wilfred Nann
Leiter Katholische Erwachsenenbildung Ostalbkreis

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Menschen brauchen den Sonntag

„Jetzt ist´s aber Sabbat“, diese altertümliche Redewendung meint: Jetzt ist´s auch mal genug, es muss etwas ruhen und aufhören. Der Sabbat als der streng eingehaltene Ruhetag im Judentum unterbricht die Arbeitswoche. Der christliche Sonntag hat seine Wurzeln im Sabbat und will uns zu Regeneration, Muße, Ruhe und Öffnung für Gott verhelfen.

Der 1. Mai 2016, der „Tag der Arbeit“, fällt in diesem Jahr auf einen Sonntag. Das lässt fragen, wie es mit der Balance von Arbeit, Ruhe und Freizeit steht. Der Sonntag als Teil des Wochenendes hat längst seinen Ausnahmecharakter verloren. Er ist auch vielfach kein Ruhetag mehr, weil viele Dinge weitergehen müssen. Dienstleistungen im öffentlichen, im pflegerischen, im Gesundheitsbereich. Daneben vollzieht sich aber ein schleichender Wandel in der Arbeitswelt. Und ebenso im Konsumbereich wie etwa durch die verkaufsoffenen Sonntage.

In ihrer gemeinsamen Erklärung „Menschen brauchen den Sonntag“ erheben die katholischen und evangelischen Bischöfe in Deutschland ihre Stimme für den Erhalt des Sonntags. Sie bitten alle Christen, öffentlich für den Wert des Sonntags einzutreten. Sie können sich auf mehr als zwei Drittel der Bevölkerung stützen, die eine Ausweitung der Ladenöffnungszeiten am Sonntag ablehnen. Denn in den Familien werden die Veränderungen zunehmend zur Belastung. Wenn der Vater seinen Sonntag am Montag hat, die Mutter am Mittwoch, und die Kinder am Sonntag, trägt dies zur Entstehung von Konflikten bei. Deshalb ist der Sonntag nicht nur als kirchlicher Gedenktag schützenswert, sondern vor allem als Kulturgut ersten Ranges über alle weltanschaulichen und religiösen Überzeugungen hinaus.

Wir brauchen den Sonntag als Tag des Atemholens, der Familien, der Feste und Feiern, des gemeinsamen Gottesdienstes, der Spaziergänge, der Kultur, der Gemeinschaft, der Besuche und der Solidarität, kurzum – zum Wohle des Menschen und zur Ehre Gottes.

Ich wünsche ihnen einen gesegneten Sonntag!

Dr. Pius Angstenberger
Dekan

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„HERZKLOPFEN“

Dieses Bild weckt vielerlei Assoziationen, etwa: Angst, große Freude, Verliebtsein, Spannung… Wenn Herzklopfen mit dem „Herzschlag meines Lebens“ definiert wird, dann ist es lebensnotwendig. Vom ersten bis zum letzten Augenblick unseres Lebens schlägt unser Herz. Was bewog wohl MitarbeiterInnen der Berufungspastoral, „Herzklopfen“ zum Leitwort des diesjährigen Weltgebetstages um geistliche und kirchliche Berufe, der am kommenden Sonntag in der katholischen Kirche begangen wird, zu stellen?

Das Leben eines jeden Menschen steht unter einem ganz persönlichen Ruf, das Leben der Getauften insbesondere unter dem Ruf Gottes. In jedem Menschen steckt eine tiefe Sehnsucht nach einem erfüllten, gelungenen Leben. Es kommt darauf an, diese Sehnsucht wahrzunehmen, ihr nachzuspüren, sie nicht durch vielerlei Aktivitäten und Ablenkungen zu ersticken. Das wiederum erfordert Stille, Hinhören gegen alle Flut von Worten, von Nachrichten, Angeboten und Befriedigungen durch Konsum und Lärm, dem wir tagtäglich ausgesetzt sind. Gott hat mich ins Leben gerufen und hat einen Plan mit mir. Ich habe eine unersetzliche Position in dieser Welt in dieser Zeit an diesem Platz. Die Frage ist: Wie erkenne ich diesen Plan? Diese Frage stellte auch ich in jungen Jahren ganz konkret an eine Schwester, bei der ich während meiner Ausbildung ein Praktikum machte, und die mir eines Tages in einem Gespräch auf den Kopf zusagte: Ich könnte mir vorstellen, dass du Schwester wirst. Damit traf sie meine Sehnsucht, meine Gedanken, die mich schon geraume Zeit beschäftigten. Spontan stellte ich ihr die Frage: Und wie weiß ich, ob das mein Weg ist? Darauf sagte sie mir: Gehe jeden Tag einfach 10 Min. in die Stille und höre, was ER dir sagt. Weil sie für mich so überzeugend und glaubwürdig war, befolgte ich Ihren Rat. Etwa ein halbes Jahr später trat ich in unsere Gemeinschaft ein, ich konnte nicht mehr anders, um die innere Ruhe zu finden. Im Rückblick ist mir klar, dass es nicht nur das Hören, die Stille braucht, sondern auch Menschen, die ihre Berufung überzeugend leben und den Mut haben, junge Menschen so eine Lebensentscheidung zuzutrauen / zuzumuten und es ihnen auch zu sagen, sie zu begleiten und die leisen „Klopfzeichen“ zu deuten helfen, mit denen Gott ihr Herz anspricht. Ob wir als Christen uns dieser Aufgabe und Verantwortung bewusst sind?

Sr. Regina Waibel
Leiterin der Klostergemeinschaft der Franziskanerinnen

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Für eine barmherzige Kirche …

Mit der Ausrufung und Eröffnung des außerordentlichen Heiligen Jahres hat Papst Franziskus seiner Kirche einen wirklich wichtigen Dienst erwiesen, zumal er dieses Jahr unter das Thema gestellt hat: „Barmherzig wie der Vater“ (vgl. Lk 6,36). – Ist die Kirche denn barmherzig? – Das ist sicherlich keine Nebenfrage, sondern eine Frage, die ins Zentrum führt. Auf diese Frage gibt es sicher ganz verschiedene Antworten, je nachdem, wen man fragt. Was würde ein Zeitgenosse, der nicht zur Kirche gehört und sie nur von außen wahrnimmt, antworten? Was würde Papst Franziskus selbst darauf antworten? Was würde ein konfessionsverschiedenes Ehepaar antworten, was ein wiederverheiratet Geschiedener? Wie nahe ist die Kirche am Erbarmen und an der Versöhnung?
Allgemein formuliert lässt sich wohl sagen: Menschen erleben die Kirche dann als barmherzig und als hilfreich für ihr Leben, wenn sie das Gefühl haben, dass die Kirche ihr tatsächliches Leben wahrnimmt, dran ist an ihren Fragen und Nöten, ihnen verständnisvoll, wohlwollend und hilfreich nahe ist. Barmherzigkeit bezieht sich ja fast immer auf ganz konkrete, manchmal auch verworrene Lebenssituationen. In der Nachfolge des Barmherzigkeit ausstrahlenden, tatsächlich mit den Menschen mitgehenden Jesus, ist die Kirche jedenfalls eingeladen: nahe an die Menschen heranzugehen, sie zu fragen und sie selbst zu Wort kommen zu lassen. Ein genaueres Hinsehen und Hinhören ist sicher wieder ganz neu gefragt!
Barmherzigkeit ist die Ureigenschaft des biblischen Gottes: „Der Herr ist gnädig und barmherzig, langmütig und reich an Güte“ (Ps 145,8). Die Barmherzigkeit Gottes konkretisiert sich vor allem in der Vergebung der Schuld, sie gewährt Schutz und Leben. Barmherzigkeit schafft Versöhnung, holt Menschen, die am Rand sind, wieder in die Mitte. Jesus selber ist der Offenbarer dieser Barmherzigkeit Gottes.
Die österliche Bußzeit, die jetzt in ihre Endphase tritt und mit dem Palmsonntag zur Feier der Heiligen Woche überleitet, soll eine Zeit der Selbstüberprüfung und der inneren Reinigung sein, für die Kirche als Ganzes, aber auch für jedes Glied am Leib Christi. Barmherzigkeit braucht den weiten Blick, die weite Perspektive und die Begegnung auf Augenhöhe. Lebt die Kirche, leben wir als Christen es schon genügend?

Robert Kloker
Münsterpfarrer in Schwäbisch Gmünd

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Bunte Welt

Bunt sind sie geworden, unsere Wohngebiete.
Nein ich spreche nicht von Blumen als Frühlingsboten. Es sind die Wahlplakate, die unsere Straßen mit bunten Bildern säumen. Allerlei Gesichter und Sprüche, manche sympathisch oder motivierend, andere eher nachdenklich stimmend. Bunt und farbig sind nicht nur die Wahlplakate – genauso bunt, oder gar noch farbenfroher ist auch unsere Gesellschaft. Bunt und farbig, weil wir verschieden sind. Bunt und farbig ist das Leben, wie eine Blumenwiese im Frühjahr, wie ein Kunstwerk; bunt und farbig wie unsere Feste im friedlichen Miteinander von Kulturen und Religionen.
Es gibt aber auch Menschen, die nur schwarz-weiß-sehen, die aufgrund verschlossener Herzen die schöne, bunte Welt und Gesellschaft nicht sehen bzw. nicht sehen wollen, oder sie sogar radikal zerstören.
Dann gibt es Menschen, die mit Vielfalt nicht umgehen können, die resignieren, meinen wählen sei unnötig. Dabei können wir nicht dankbar genug sein für unser Wahlrecht und freie Wahlen – sie sind keine Selbstverständlichkeit, wie der Blick in die Welt verrät. Wir haben Auswahl und dürfen mit jedem Einkauf, mit jedem Zwischenruf, mit jedem „ja“ oder „nein“ eine Wahl treffen – nicht nur an Wahltagen. Ein Wahl treffen, heißt Verantwortung wahrnehmen, Mitgestalten von Nachbarschaft und Gesellschaft.
Eine weitere Sichtweise bringen Menschen ein, die nur grau und schwarz sehen; weil sie von Krankheit betroffen sind, von Schicksalsschlägen, Unfall und Tod. Wer solches erlebt, hat es sicher nicht selbst gewählt; da haben wir keine Wahl, es bricht über uns herein. Aber wir können wählen wie wir damit umgehen, was wir aus unserem Leben machen. Ob wir mit dem Erlebten allein klarkommen wollen oder ob wir es (mit-)teilen.
Jesus Christus hat Menschen Hoffnung geschenkt, die alles nur noch grau gesehen haben. Er hat Menschen im Leid Trost und Mut gegeben. Er hat den Fragenden, Zweifelnden und Suchenden zugehört, deren Fragen und Nöte ernst genommen und sein Leben mit ihnen geteilt. So sind wieder kleine Farbtupfer mitten im grauen Alltag entstanden.
Jesus hat gewählt. Er hat sich entschieden: für bunt und farbig, für das Leben, für die Menschen, für jeden einzelnen. Er lädt uns ein, ein buntes Leben mit ihm zu teilen.
Wir haben die Wahl – im Glauben, in der Politik und in unserer Gesellschaft. Seien wir dankbar für dieses Geschenk und entscheiden uns für ein Miteinander, für jeden einzelnen Menschen, für ein buntes, farbenfrohes Leben.

Romanus Kreilinger
Pastoralreferent

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Was ist Schönheit?

Anfang Februar war der Start der elften Staffel von „Germanys next Topmodel“. Auf der Suche nach dem neuen Topmodel Deutschlands wurde im ersten Casting gnadenlos sortiert. Ob die jungen Damen schön genug sind für die Sendung, darüber wurde in wenigen Sekunden auf dem Catwalk entschieden.
Eine andere Sendung läuft derzeit auf dem Frauensender SIXX. In „The Beauty and the Nerd“ treffen acht wunderschöne Frauen auf acht Männer, die offensichtlich weniger attraktiv sind. Die Frauen und Männer leben gemeinsam in einer Villa und müssen in Zweier-Teams unterschiedliche Aufgaben bewältigen. Dabei lernen sie die Eigenschaften des jeweiligen Partners kennen und erhalten einen Einblick hinter das äußere Bild.

Zwei Sendungen, die mit dem Thema der „Schönheit“ spielen.

Aber was ist Schönheit eigentlich? Und wer entscheidet, was schön ist und was nicht?

Schönheit – so heißt es in einem Sprichwort – liegt im Auge des Betrachters. Es hängt also von demjenigen ab, der mich anschaut. Das kann jemand anderes sein, das kann aber auch ich selbst sein.

Zur Frage nach der Schönheit finden wir in der Bibel – im ersten Buch Samuel – ein Wort, das Gott selbst gesprochen hat und auch heute noch zu uns spricht: „Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“

Für uns Menschen zählt zunächst das Äußere. Da können wir kaum aus unsrer Haut. Wir Menschen sehen zu allererst das, was vor unseren Augen liegt. Das ist so – so sind wir. Das Innerste eines Menschen, sein Charakter und seine Eigenschaften, sein Wesen und sein Herz, das sind Dinge, die nicht sofort zu erkennen sind. Da braucht es einen zweiten oder dritten Blick.

Gott braucht keinen zweiten Blick. Wenn Gott einen Menschen ansieht, dann sieht er ihn ganz. Er schaut in ihn hinein. Fast möchte man sagen, er schaut durch ihn hindurch. Gott kennt jeden Menschen – er weiß um das, was uns wirklich ausmacht. Er kennt unser Herz. Und Gott sieht den Menschen in all seiner Schönheit. Und die Schönheit, die Gott in uns Menschen erkennt, ist eine Schönheit, die aus unserem Innersten kommt. Ein lachendes Herz, ein liebender Blick, ein tröstendes Wort… Wenn wir Menschen uns mit Gottes Augen sehen würden, dann könnten wir erkennen, wie schön wir wirklich sind.

Die Männer in der erwähnten Sendung wurden schlussendlich umgestylt und alle – die Frauen, aber auch die Männer – waren glücklich und zufrieden damit. Ob es ein solches Umstyling gebraucht hätte? Wer weiß…

„Der Mensch sieht, was vor den Augen ist, der Herr aber sieht das Herz.“ (1 Sam 16,7b)

Michaela Lobinger
Pastoralreferentin in den katholischen Kirchengemeinden der Seelsorgeeinheit Rosenstein

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Buntes Treiben

Menschen, die nur zwischen Schwarz und Weiß unterscheiden können oder die alles schwarzsehen, werden keine Freude haben am Fasching, der in diesen Tagen seinen Höhepunkt erreicht. Gestern, am „schmotzigen Donnerstag“ ging es in und um viele Rathäuser hoch her. In Schulen und Kindergärten, auch in manchen Gottesdiensten, sind Faschingsnarren in Verkleidung oder im Häs zu sehen. Bei den Umzügen sind die Straßen und die umliegenden Gaststätten voll. Nicht umsonst sprechen wir von einem „bunten Treiben“. Da geht es farbenfroh, laut und bewegt zu, und zu fortgeschrittener Stunde sind manche in einem Zustand, den wir mit einer bestimmten Farbe umschreiben. Und einzelne treiben es vielleicht auch zu bunt und haben hinterher etwas zu bereuen.
Dieses bunte Treiben ist ein Ausbrechen, ein Gegenpol zu einem vielleicht manchmal sehr grauen Alltag.
Zum Leben gehört mehr als Schwarz und Weiß. Unser Leben ist bunt und vielfältig. Die Farben des Regenbogens stehen für diese Buntheit, und nicht von ungefähr gibt es in jüngerer Zeit Gruppierungen, die den Regenbogen auf ihre Fahne schreiben, bzw malen. Homosexuelle sehen darin ein Zeichen für Toleranz und sexuelle Vielfalt. Seit den Demonstrationen gegen den Irak-Krieg 2003 dienen die Regenbogenfarben zusammen mit dem Schriftzug „pace“ der internationalen Friedensbewegung als Symbol.
Sehr viel älter und biblisch ist der Regenbogen ein religiöses Symbol. Es zeigte Noah, dass Gott an seinem Bund zu den Menschen festhält, dass er – auf schwäbisch gesagt – „den Himmel hebt“ und alle Lebewesen unter seinem Schutz stehen.
Ein Regenbogen entsteht, wenn das Licht durch das Wechselspiel von Wassertropfen und Sonnenlicht gebrochen wird. Und so sehen wir, dass im Licht – das unsere Tage hell macht und für unser Leben notwendig ist – alle Farben, die es gibt, enthalten sind. Das ist ein schönes Zeichen: Unser Leben wird erst ganz, wenn alle Farben darin enthalten sind. Das Leben ist uns in seiner ganzen Buntheit, in seinem ganzen Spektrum aufgegeben. Und wir können unser Leben in Beziehung zu Gott setzen, dort wo es farbig, hell und leicht ist, und genauso dort, wo es grau, dunkel und schwer ist.

Beate Jammer, Pastoralreferentin
SE Leintal und Schwäbischer Wald

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Ins Gespräch kommen

Vor kurzem im Vorortbus:
Man kennt sich vom Sehen, weil man jeden Tag zusammen den gleichen Bus nimmt, um in die Stadt zu fahren zur Arbeit. Man nickt sich grüßend zu und versinkt dann wieder in die eigenen Gedanken.
An diesem Morgen ist es anders. Eine ältere Frau fasst sich offensichtlich ein Herz und spricht ihren Sitznachbarn an: „Sagen Sie mal, sind Sie für oder gegen Flüchtlinge?“
Erstaunen – Nachdenken, dann sagt der Mann neben ihr: „Wenn Sie mich so fragen, bin ich wohl eher für Flüchtlinge!“ „Schade“, antwortet die Frau, „dann ist es sinnlos Sie einzuladen.“ Ende des Dialogs.
Es ging anscheinend um die Einladung zu einer Bürgerversammlung, in der sich die Dorfbewohner gegen die Aufnahme von geflüchteten Menschen aussprechen sollten, weil das wohl die Dorfidylle stört.

Welche inneren Kräfte die Situation der letzten Monate bei uns freisetzt, ist schon erstaunlich. Da gibt es Helferkreise von 30-40 Engagierten in Dörfern, die noch gar keine Flüchtlinge haben. Da wird in Schwäbisch Gmünd, einer Stadt, die deutschlandweit für seine integrative und vorbildliche Flüchtlingsarbeit bekannt ist, eine zukünftige Unterkunft für solche Menschen in Brand gesteckt. Was bewegt die einen Menschen in die helfende und andere in die ängstliche, abwehrende Haltung?
Ich bin überzeugt, dass es auch etwas mit der inneren Stabilität, mit der inneren Zufriedenheit zu tun hat. Und damit mit so etwas wie Vertrauen in das Leben, wir Christen sprechen da von Gottvertrauen. Wir feiern dieser Tage das Fest der Erscheinung des Herrn, besser bekannt als die Hl. Drei Könige. Jene „Weisen aus dem Morgenland“ (also dem heutigen Nahen und Mittleren Osten), die sich auf eine unsichere Reise begeben haben um einem vermeintlichen fernen König zu huldigen. Nur ein Stern soll Ihnen den Weg gewiesen haben. Ein frühes „Navi“, auf das sich Seeleute bis in die heutige Zeit verlassen haben. Wir brauchen Navigationspunkte, die in verunsichernden Zeiten uns eine Orientierung geben. Ein guter Navigationspunkt ist meines Erachtens die direkte Begegnung von Mensch zu Mensch. Nur so lassen sich Ängste und Vorurteile abbauen. Solch einen Navigationsstern wünsche ich Ihnen in der kommenden Zeit.

Wilfred Nann
Leiter Kath. Erwachsenenbildung