Ein dunkles Kapitel der Kirchengeschichte

Seine Forschungen haben ihn erschüttert, aber er hat inzwischen auch seinen Frieden damit gemacht: Die Rede ist von Pfarrer Dr. Pius Adiele aus Lauchheim, dessen Doktorarbeit, erschienen Ende des vergangenen Jahres, von Sklaverei, Knechtschaft und Zwangsarbeit handelt. Dass die katholische Kirche die Sklaverei von Schwarzafrikanern über vier Jahrhunderte tolerierte, macht Pfarrer Adiele zwar betroffen, aber durch seine Forschungen und die entsprechende Auslegung der Bibelstelle im Buch Genesis, konnte er sich arrangieren.

Foto (Schwenk): Pfarrer und stellvertretender Dekan Dr. Pius Adiele in seinem Büro in Lauchheim: „Was ich in den Archiven fand hat mich sprachlos gemacht“.

 

Die international bekannte und weitverbreitete Tageszeitung „La Stampa“ hat über seine Arbeit mit dem Titel „Die Päpste, die katholische Kirche und die transatlantische Versklavung der Schwarzafrikaner von 1418 – 1839“, berichtet, ebenso die renommierte und nicht weniger angesehene „La Repubblica“. Sieben Jahre lang hat Dr. Pius Adiele an dem knapp 600 Seiten fassenden Werk gearbeitet und in den Archiven gestöbert. „Ich war im Geheimarchiv des Vatikans, wo die Bullen der Päpste im Original vorliegen“, berichtet der Geistliche. Außerdem forschte er im Nationalarchiv von Portugal, was nicht minder interessant, aber auch zum Teil sehr deprimierend war. „Was ich dort fand, machte mich einfach sprachlos“, sagt Adiele und schüttelt immer noch den Kopf angesichts der unglaublich anmutenden Geschichte, die Menschen mit schwarzer Hautfarbe zu Sklaven und Zwangsarbeitern machte.

Der sonst so fröhliche Pfarrer wird sehr ernst, wenn er von diesem Kapitel der Kirchen- und Weltgeschichte erzählt, das über vier Jahrhunderte angedauert hat und erst zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein Ende fand. „Bis dahin“, so informiert Adiele, „hat die Kirche gezögert“.

Die Arbeit Adieles fokussiert die Rolle der Führung der katholischen Kirche in der Versklavung der Schwarzafrikaner und zwar vor und während des transatlantischen Sklavenhandels. „Um diese Rolle festzustellen, habe ich alle wichtigen päpstlichen Bullen untersucht, in welchen diese zur Versklavung der Schwarzafrikaner Stellung bezogen haben“, erzählt Pfarrer Adiele. Sie beginnt mit Papst Martin V. (Pontifikat 1417-1431), der dem portugiesischen Prinzen Heinrich dem Seefahrer (1394-1460) für seine Eroberungen in Afrika seine Zustimmung gewährt hat. Und sie endet mit der Untersuchung der Bulle von Papst Gregor XVI. (Pontifikat 1831-1846), der 1839 darin ausdrücklich die Versklavung der Schwarzafrikaner verurteilt hat. Adiele zitiert aus dieser Bulle: „Im Bemühen, diese so große Schmach aus allen Gebieten der Christen zu entfernen, ermahnen wir daher kraft Apostolischer Autorität alle Christgläubigen jedweden Standes und beschwören sie nachdrücklich im Herrn: Keiner soll es künftig wagen, Indianer, Neger oder andere derartige Menschen ungerecht zu quälen, ihrer Güter zu berauben, in die Sklaverei zu führen…Daher, kraft unserer Apostolischen Autorität, verurteilen wir alle solche Praktiken als absolut unwürdig des christlichen Namens“.

Alles begann damit, dass portugiesische Handelsleute Afrika und Indien erschlossen, um Goldquellen zu entdecken. Um dies tun zu können, brauchten sie die Autorität der Päpste. Unter dem Vorwand, die Menschen dort zu missionieren und sie zu taufen, willigte der damalige Papst ein und tolerierte den Menschenhandel. „Auch um die Kirche finanziell bereichern zu können“, erklärt Adiele. Außerdem wollte die katholische Kirche ebenfalls den afrikanischen Kontinent für sich erschließen. Der transatlantische Sklavenhandel folgte und wurde von der Kirche ebenso toleriert. „Theologisch betrachtet, basierte die Kirche ihre Lehre über die Sklaverei auf Positionen von Platon und Aristoteles“, so der Buchautor. Vor allem Aristoteles sei der Meinung gewesen, dass die Sklaverei von Natur aus gerechtfertigt sei. Diese Ansicht wurde in der Theologie der Kirche akzeptiert. Andere Kirchenlehrer sahen die Gründe für die Rechtfertigung der Sklaverei als eine Folge der Sünde. In der Passage aus dem Buch Genesis, Kapitel 9, Verse 18-29 wird dargestellt, dass der Sohn Noahs, Ham, verflucht sei. Laut dieser Episode wurde Ham verflucht, Sklave seiner anderen Brüder zu sein. „Aus diesem Ereignis entstand seit dem dritten Jahrhundert im Christentum eine Auslegung der Passage, welche behauptet, dass Ham und seine Nachkommen die Vorfahren der Schwarzafrikaner seien“, sagt Pfarrer Adiele. In dieser Verfluchung habe man die Begründung der Rechtmäßigkeit der Versklavung der Schwarzafrikaner während der ganzen Periode des transatlantischen Sklavenhandels gefunden.

„Diese Arbeit“, so resümiert Pfarrer Dr. Pius Adiele, „legt einen Finger in die Wunden dieses dunklen Kapitels der Geschichte und jener der katholischen Kirche“. Dass er selbst inzwischen seinen Frieden damit machen und die verheerende Auslegung der Bibelstelle ad acta legen konnte, erfüllt ihn jetzt mit Zufriedenheit und Hoffnung.