Die Fastenzeit beginnt

Auf Augenhöhe

Zwei Menschen blicken sich an, sind miteinander verbunden, überbrücken die Grenze, die zwischen ihnen liegt. Dieses eindrückliche Motiv auf dem neuen Misereor-Hungertuch schmückt in der Fastenzeit wieder viele unserer Kirchen und ruft uns auf seine Weise, unser Leben und unsere Lebensweise neu zu gestalten. Der nigerianische Künstler Chidi Kwubiri hat es in diesem Jahr entworfen, inspiriert von dem afrikanischen Sprichwort „Ich bin, weil du bist“.

Zwei Menschen auf Augenhöhe. Eine Begegnung, die von Respekt und Neugier getragen ist – das kommt nicht so oft vor! Viel mehr erscheint es mir, dass immer öfter das Gegenteil der Fall ist. Öffentliche Beschimpfungen, die sich nicht nur auf die Anonymität des Internets beschränken, sind alltäglich geworden. Unflätigkeiten und Beleidigungen nehmen mittlerweile auch Staatschefs und Politiker in den Mund. Und dort, wo Bürger für oder gegen eine Sache auf die Straße gehen, sind zunehmend Beschimpfungen übelster Sorte gegenüber Verantwortungsträgern und Andersdenkenden zu hören. Solche Menschenverachtung lässt mich mit einiger Ratlosigkeit und Unbehagen zurück.

Das neue Misereor-Hungertuch ruft in dieser Situation zum Dialog auf. Keine einfache Sache – vor allem, wenn der Tonfall schon scharf und verletzend ist. Dialog braucht eine positive Grundhaltung: Dass sich etwas verändern kann – bei meinem Gegenüber oder aber auch bei mir. Dialog kostet Kraft und Mühe: Sich-Verständlich-Machen und Verstehen- Können sind selten einfach. Dialog setzt etwas voraus, das für Christen selbstverständlich sein müsste und doch bisweilen eine riesige Herausforderung ist: Dass ich im Anderen nicht den Gegner oder, noch schlimmer, eine Art „Hindernis“ sehe, sondern den Menschen. Den Menschen, der mir Bruder oder Schwester ist – egal wie weit unsere Position und unsere Lebenswelt auseinanderliegen. Den Menschen, der mir wie alle Mitgeschöpfe von Gott anvertraut ist und mit dem ich verbunden bin.

Wir Christen sind Teil dieser Gesellschaft und der in ihr stattfindenden Veränderungen. Gerade christliche Lebenshaltung und Lebenspraxis muss es sein, den Dialog zu suchen und zu versuchen. Wo immer es geht! Und auch dort, wo es schwierig ist, auf Augenhöhe!

Daniela Kriegisch, Pastoralreferentin der SE Rosenstein